Nachgehakt: Kinderarmut - Warum ist Armut  in Deutschland "relativ"?
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Nachgehakt: Kinderarmut - Warum ist Armut in Deutschland "relativ"?

Kinderarmut ist nicht nur in armen Entwicklungsländern, sondern ebenso in reichen Industriestaaten wie Deutschland eine soziale Realität. Der Paritätische Wohlfahrtsverband stellt etwa in seinem aktuellen Armutsbericht eine bundesweite Armutsquote von 15,4% fest, die Kinderarmutsquote liegt mit 19% sogar noch deutlich darüber. Konkret bedeuten diese Zahlen, dass gegenwärtig rund 2,7 Mio. Kinder und Jugendliche in Armut aufwachsen, die aktuellen Flüchtlingszahlen noch nicht mit eingerechnet. Dramatische Zahlen, denen Kritiker entgegenstellen, dass sie stark überzogen sind und es in Deutschland keine wirkliche Armut gäbe. Tatsächlich spricht auch der Paritätische in seinen Berechnungen von einer relativen Armut. Wann also ist ein Mensch arm?

Gegensätzliche Armutsdefinitionen

Der Begriff der Armut wird traditionell sehr kontrovers diskutiert und bislang gibt es keine einheitliche und anerkannte Definition. Im Wesentlichen liegt das daran, dass Armut in erster Linie eine gesellschaftliche Konstruktion ist und die Bedingungen, unter denen Menschen als arm angesehen werden, einem fortwährend aushandelbaren Definitionsprozess unterliegen.

Absolute Armut - die Extremform

Die sogenannte absolute Armut orientiert sich an extremen existenziellen Notlagen wie Hunger oder Obdachlosigkeit. Für diese Extremform der Armut definiert die Weltbank eine Einkommensgrenze von 1,25US$ pro Tag, weltweit gibt es ca. 1,2 Milliarden Menschen, die in diese Kategorie fallen.

Relative Armut – Lebenschancen im Verhältnis

Im Gegensatz dazu beziehen sich relative Armutskonzepte auf die eingeschränkten Lebenschancen der Betroffenen im Verhältnis zum Wohlstand der jeweiligen Gesellschaft. So gelten z.B. nach der EU-Definition Menschen dann als arm, wenn sie über so geringe materielle, kulturelle und soziale Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem Mitgliedstaat, in dem sie leben, als Minimum annehmbar ist. Diese Armutsdefinition betont die Vielschichtigkeit des Begriffs und verweist auf die soziale Ungleichheit innerhalb einer Gesellschaft. Gleichzeitig wird hier aber wiederrum deutlich, dass für die Messung des Phänomens Armut generell nicht auf objektive, sondern lediglich auf normative Maßstäbe zurückgegriffen werden kann. In diesem Zusammenhang werden häufig fiktive Armutsschwellen auf der Basis des mittleren Einkommens definiert.

Zur Messung von Armut

Im Armutsbericht gelten etwa diejenigen Personen als arm, denen weniger als 60% des nationalen Medianeinkommens (Median ist der mittlere Wert, der alle Einkommen in zwei Hälften teilt) zur Verfügung steht. Andere internationale Untersuchungen, wie z.B. die Studien von UNICEF oder der OECD verwenden dagegen häufig eine 50% Marke als Armutsgrenze. Eine Person oder ein Haushalt mit einem bestimmten Einkommen kann somit in einem Bericht als arm, in anderen aber als nicht-arm eingestuft werden.

Armutsrisikoquoten –Ausdruck möglicher Gefährdungen

Seit einiger Zeit wird im Zusammenhang mit dem prozentualen Anteil der Menschen, der die relative Armutsgrenze unterschreitet, vermehrt der Begriff des Armutsrisikos bzw. der Armutsrisikoquote verwendet. Damit soll verdeutlicht werden, dass mit einem niedrigen Einkommen nicht direkt ein Leben in Armut einhergeht, sondern in erster Linie die Möglichkeit einer Armutsgefährdung beschrieben wird, die besonders bei längerfristig niedrigem Einkommensbezug an Bedeutung gewinnt.

Relative Armut – reale Folgen

Die UN-Kinderrechtskonvention gibt in Artikel 27 jedem Kind ein Recht auf einen seiner körperlichen, geistigen, seelischen, sittlichen und sozialen Entwicklung angemessenen Lebensstandard. In Deutschland wächst momentan jedoch jedes fünfte Kind in einer Familie auf, deren Einkommen unter die Armutsgefährdungsgrenze fällt. Auch wenn diese Armut relativ definiert wird und damit für viele Kritiker nur auf dem Papier besteht, sind die Problemlagen doch real.

Soziale Exklusion und Entwicklungsrisiken

Der Alltag armer Kinder und Jugendlicher ist oftmals gekennzeichnet von Mangel, Verzicht, fehlenden Freizeitmöglichkeiten und sehr eingeschränkten sozialen und kulturellen Aktivitäten. Darüber hinaus belegen zahlreiche Studien, dass Armut nicht nur mit sozialen Benachteiligungen einhergeht, sondern auch die gesamte Entwicklung von Kindern beeinträchtigen kann. Arme Kinder werden häufiger krank, erfahren weniger Förderung, haben geringere Bildungschancen, sind psychisch belastet und leiden unter Ausgrenzung und fehlendem Selbstbewusstsein. Die Familien leiden insgesamt häufig unter dem Verlust sozialer Anerkennung und eingeschränkten soziokulturellen Spielräumen.



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