„Nur qualifizierte Mitarbeiter(innen) können Familien und Kinder schützen und sich selbst.“
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Aktuelles

„Nur qualifizierte Mitarbeiter(innen) können Familien und Kinder schützen und sich selbst.“

10.05.2017

Arthur Kröhnert, Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft der Kinderschutz-Zentren e.V., über den bevorstehenden Fachkongress „Nur Mut! Hilfebeziehungen zwischen Zwang, Achtsamkeit und Handlungsdruck“, der am 6. und 7. Juli 2017 in Köln stattfindet. In einem Gespräch skizziert der Experte, warum Fachkonferenzen wie diese unabdingbar sind und was sie bewirken können. 


Herr Kröhnert, auf Mitarbeiter(innen) in Kinder- und Jugendschutzeinrichtungen kann ein großer Druck lasten. Sie müssen immer mehr Fälle bearbeiten, haben immer weniger Zeit, die Arbeit im Zwangskontext ist oft mühsam. Ein aktueller Fall: Eine Mitarbeiterin eines Jugendamtes im Sauerland wurde nun wegen fahrlässiger Tötung zu sechs Monaten auf Bewährung verurteilt, weil ein Kind in einer Familie, die sie betreute, verhungert ist.

Zum Glück gibt es diesen Fall nicht so häufig, aber er macht die Herausforderungen deutlich, denen sich die Kolleginnen und Kollegen stellen müssen. Sie tragen eine hohe Verantwortung. Wenn zum Beispiel ein Kind aus einer Familie herausgenommen werden soll, ist das ein weitreichender Eingriff, den das Jugendamt alleine nicht durchführen kann, sondern nur mit einer Anordnung des Familiengerichtes. Das ist aber ein Dilemma. Wenn eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter in fachlicher Absprache zu der Einschätzung kommt, ein Kind soll in Obhut genommen werden, doch die Familienrichterin oder der Familienrichter teilt diese Einschätzung nicht, verbleibt das betreffende Kind zunächst in der Familie. Die Mitarbeiterin ist dann leider in der Situation, warten zu müssen, bis etwas passiert, um wieder intervenieren zu können.

Wie kann ich mich als Mitarbeiter(in) davor schützen?

Hier ist vor allem die Fachlichkeit gefragt. Das heißt, habe ich als Mitarbeiter(in) die Argumentation nach den gesetzlichen und fachlichen Standards so aufgebaut, dass das Familiengericht gar nicht zu einer anderen Entscheidung kommen kann, als das Kind aus der Familie zu nehmen? Das Dilemma, was sich hier zeigt, ist, dass die Kolleg(inn)en im Jugendamt oder in unseren Einrichtungen immer diejenigen sind, die im Fokus stehen. Wenn Sie die Medien betrachten, dann wird kaum darüber geschimpft, dass eine Familienrichterin oder ein -richter nicht richtig entschieden hat, sondern wenn irgendetwas „schief“ gelaufen ist, dann ist es immer das zuständige Jugendamt, der entsprechende Sozialarbeiter oder der entsprechende Sozialpädagoge, der was falsch gemacht hat. Dieser Herausforderung muss ich mich mutig stellen und immer wieder darauf schauen, wie ich mein Risiko, welches ich so empfinde, minimiere. Und das kann ich sicherstellen, indem ich fachlich qualifiziert so gut aufgestellt bin, dass ich eine richtige Einschätzung machen kann und in der Lage bin, die Instrumentarien, die wir haben, zu nutzen. Und dafür braucht es im Kinderschutz qualifizierte Mitarbeiter(innen) und Qualifikationen, die ich sowohl aus meiner beruflichen Praxis, aber auch über Fort- und Weiterbildungen und die Teilnahme an Fachkongressen erlangen kann.

Sie veranstalten am 6. und 7. Juli 2017 in Köln einen Fachkongress mit dem Titel „Nur Mut! Hilfebeziehungen zwischen Zwang, Achtsamkeit und Handlungsdruck“, der aktuelle Fragestellungen wie diese aufnimmt. Welche Kompetenzen bekomme ich hier an die Hand und wo sehen Sie die Stärken solcher Kongresse?

Ich würde das auf drei Ebenen sehen. Wir arbeiten sehr eng mit Hochschulen und Wissenschaftler(inne)n zusammen. Für uns ist es sehr wichtig, wissenschaftliche Erkenntnisse so aufzuarbeiten, dass wir sie der Praxis zugänglich machen. Der zweite wichtige Bereich ist, die Erfahrungen und Erkenntnisse, die wir als Kinderschutzstellen in der Gewaltberatung tagtäglich machen, weiterzugeben und zur Diskussion zu stellen. Egal, ob es um Themen geht wie psychisch kranke Eltern, sexualisierte Gewalt oder um schwere Vernachlässigung. Der dritte Bereich ist, dass wir nicht nur einseitig auf ein bestimmtes Thema blicken, sondern auch auf Querschnittsthemen. Also: Fragen im Themenfeld Kooperation: Wie muss meine Zusammenarbeit mit dem Familiengericht aussehen, mit einer Klinik, mit Suchtberatungsstellen etc.? Wie bewege ich mich als Sozialarbeiterin oder Sozialarbeiter in diesem Feld? Wenn wir über Kinderschutz reden, können viele Herausforderungen nur gelöst werden, wenn man kooperiert und gemeinsam auf Fälle guckt und auch gemeinsam bestimmte Fälle löst. Damit wollen wir die Kongressbesucher(innen) ermutigen, das, was man aus dieser Konferenz mitnimmt, in der eigenen Praxis vor Ort zu entwickeln und sich zuzutrauen, auf andere zuzugehen. Wenn ich erst damit anfange, wenn es „brennt“; dann gelingt es nicht. Ich muss im Vorfeld ein Netzwerk von Kooperationspartnern haben, um darauf zurückgreifen zu können. Unser Ziel ist es, die Fachleute zu qualifizieren, weil nur qualifizierte Mitarbeiter(innen) dazu beitragen können, dass die Kinder und Familien besser geschützt werden –das ist unsere oberste Prämisse. Und dafür machen wir Weiterbildungs- und Fachkongresse.

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