Digitalisierung in der Sozialen Arbeit - Hilfe oder Last?
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Digitalisierung in der Sozialen Arbeit - Hilfe oder Last?

Zum Nutzen und Umgang mit Facebook und Co

Prof. Dr. Nadia Kutscher ist eine der führenden Expertinnen zum Thema Soziale Arbeit und Digitalisierung. Am 07. Juli 2017 wird sie auf dem Kongress „Nur Mut“ der Kinderschutz-Zentren in Köln einen Vortrag über Chancen und Risiken in der sozialen Arbeit halten. Wir haben Nadia Kutscher vorab befragt.


Frau Prof. Kutscher, wie sehen Sie den Vorschlag von Justizminister Heiko Maas, Hate Speech bei Facebook zu ahnden? Sind diese Initiativen für den Kinderschutz sinnvoll?

Die Selbstverpflichtung der Konzerne dazu halte ich für problematisch, weil die Definition, wann etwas darunter fällt, ganz schwierig ist. Und: man legt es in die Hand privater Monopolanbieter weiterhin zu entscheiden, was publiziert wird und was nicht. Es sind eigene Regeln, die keiner demokratischen oder politischen Kontrolle unterliegen, sondern die nach der Logik eines Konzerns, der wirtschaftlich arbeiten will, funktionieren. Solange es keine politische Kontrolle gibt, wird sich an den entscheidenden Grundverhältnissen wenig ändern. Die Versuche der EU, diese Monopole zu zerschlagen oder Begrenzungen einzuführen, müsste man vielmehr verstärken.

Die Digitalisierung im Alltag und im Beruf ist überall präsent. Mit welchen Herausforderungen bin ich da als Mitarbeiter im Kinderschutz konfrontiert?

Ja, digitale Medien sind heute ein ganz wichtiger Teil unseres Alltags. Aber es stellt sich die Frage, ob das auch der Ort ist, wo ich mit meinen Adressaten sensible Inhalte kommuniziere oder über Kontaktaufnahme für sie prekäre Metadatenproduktion befördere. Und: muss ich das nutzen? Wie grenze ich mich beruflich und privat ab? Zum Beispiel, wenn ich über WhatsApp mit den Adressaten verbunden bin.

Da stellt sich aber auch die Frage nach dem Datenschutz…

WhatsApp ist Teil des Facebook Konzerns und man weiß, dass die Metadaten, die da generiert werden, mit Facebook Daten zusammengebracht und ausgewertet werden - auch für Dritte. Sobald etwas mit Adressaten der sozialen Arbeit innerhalb eines solchen Dienstes passiert, ist in dem Moment eine Grundanforderung nicht mehr gewährleistet, nämlich der Datenschutz der Klienten. Bei Akten ist es völlig klar, dass man den Datenschutz einhalten muss, sobald aber digitale Medien ins Spiel kommen, ist dieses Bewusstsein oftmals wie weg. Ich habe manchmal den Eindruck, dass sobald irgendwo „Digitale Medien“ darüber steht, fachliche Logik erst einmal aussetzt.

Trotzdem eröffnen Social Media-Anwendungen Fachkräften doch eine Vielzahl neuer Möglichkeiten?

Ja, es gibt einfache und vielfältige Kontaktmöglichkeiten –aber: die Fachkräfte haben, dadurch dass sie mit ihren Klienten zum Beispiel auf WhatsApp oder Facebook verbunden sind, Zugriff auf Informationen wie Statusmeldungen, private Posts etc. Bei vielen Trägern gilt die Regel, Facebook darf nicht als Informationsquelle über die Adressaten genutzt werden. Häufig nutzen Fachkräfte es aber trotzdem, weil sie dann viel mehr mitbekommen. Es hat eine hohe Verführung und gleichzeitig stellt sich die Frage, ob man es nicht eine Beschränkung braucht - aus ethischen Gründen. Nur weil es technisch möglich ist, rechtfertigt es noch nicht jeden Zugriff auf Daten zu nutzen und alle digital zugänglichen Räume zu „verpädagogisieren“. Auch dort brauchen wir Auseinandersetzungen.

Das setzt voraus, dass die meisten Menschen, mit denen ich in Kontakt stehe, ja auch digital erreichbar sind. Zum Beispiel bei Onlineberatungsangeboten.

Nicht immer. Es gibt auch eine „digitale Ungleichheit“. In Onlineberatungsangeboten beispielsweise sind Menschen mit einem niedrigen Bildungshintergrund und in einer bestimmten ökonomischen Situation deutlich unterrepräsentiert. Das heißt, alleine dass etwas digital angeboten wird, führt nicht automatisch zu mehr Teilhabe. Die Anbieter bzw. die Institutionen müssen hier genauer hinschauen und reflektieren.

Eine der Herausforderungen für Jugendämter und soziale Einrichtungen ist die digitale Datenerhebung. Laut Gesetzeslage in Deutschland soll die gesamte öffentliche Verwaltung bis zum Jahr 2020 umgestellt werden. Was bedeutet das für mich als Fachkraft?

In verschiedenen Kommunen haben Jugendämter, in Kooperation mit einer Technologiefirma, eine Software - basierend auf unterschiedlichsten Kriterien - entwickelt, die im Bereich der Kindeswohlgefährdung eingesetzt wird. Mitarbeiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes tragen jede Kindeswohlgefährdungsmeldung dort ein und die Software berechnet einen „Gefährdungsschwellenwert“. Der besagt, dass sofort in eine Familie reingegangen werden muss, dass gewartet werden soll oder aber, dass alles ist im grünen Bereich sei.

Ich stelle dann immer die Frage: Was passiert, wenn die Software signalisiert, es ist dringend, und man muss intervenieren, die Sozialarbeiter(in) aber die Familie kennt und sieht, dass keine akute Notwendigkeit besteht? Was mache ich dann? Es traut sich niemand zu entscheiden, entgegen der Softwareempfehlung, da nicht zu gehen. Es ist eine Absicherung, aber es schränkt Entscheidungsspielräume ein und beeinflusst sie.  

Sie sind als Referentin beim Fachkongress „Nur Mut! Hilfebeziehungen zwischen Zwang, Handlungsdruck und Achtsamkeit“ vom 6.-7. Juli in Köln. Auch eine Aufforderung zu mehr Mut für den Umgang mit der zunehmenden Digitalisierung im Kinder- und Jugendschutz?

Wir brauchen eine kontinuierliche Auseinandersetzung. Was können wir in unserem Alltag realisieren und da auch vertreten? Es gibt zum Beispiel erste Handreichungen zum Umgang mit der Digitalisierung in bestimmten Arbeitsfeldern. Und: die Träger dürfen Fachkräfte nicht alleine lassen. Es gibt einen politischen Regelungsbedarf, der bislang keineswegs hinreichend wahrgenommen wird. Und es ist wichtig, dass Träger ihre Mitarbeiter absichern und da sensibel machen um  für fachliche Standards einzustehen. Und Probleme skandalisieren, politisches Handeln einfordern.


Prof. Dr. Nadia Kutscher ist Professorin für Soziale Arbeit und Ethik an der Universität Vechta, Sie wird am 07. Juli 2017 auf dem Fachkongress der Kinderschutz-Zentren in Köln einen Vortrag geben zum Thema „Herausforderungen der Sozialen Arbeit durch die Digitalisierung“.



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