"Nur Mut!" - Ein Resümee zu unserem Fachkongress in Köln
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"Nur Mut!" - Ein Resümee zu unserem Fachkongress in Köln

14.07.2017

„Einem Menschen zu begegnen, heißt, von einem Rätsel wach gehalten zu werden.“ Der Satz des Philosophen Emmanuel Levinas, den Prof. Michael Nitsch von der Hochschule  für angewandte Wissenschaft in München gleich zu Anfang unserer Tagung „Nur Mut!“ zitierte, beschreibt die Arbeit von Kinderschützern auf treffende Weise. Und stellt zugleich die größte Herausforderung für Fachkräfte im Kinderschutz dar.

Zwischen Handlungsdruck, Zwang und Achtsamkeit müssen Sozialarbeiter*innen, Pädagog*innen und andere im Kinderschutz tätige, täglich entscheiden und gestalten, Beziehungen aufbauen, krisenbelasteten Familien helfen und Gefährdungen wahrnehmen. Doch Vertrauen aufbauen, vor allem im Zwangskontext und professionell zu handeln trotz eigener Unsicherheiten, kostet Kraft, Energie und Ressourcen. Besonders in Zeiten institutioneller Zwänge und unzureichenden politischen Rahmenbedingungen, die Kinderschutz noch schwieriger gestalten. „Nur Mut!“ war daher das passende Motto für den Fachkongress, den die Kinderschutz-Zentren zusammen mit dem Kinderschutz-Zentrum Köln am 6. und 7. Juli in Köln ausgerichtet haben.

Menschen nicht zu auswertbaren Objekten machen

Mit welcher Wirklichkeit schauen wir überhaupt auf Schutzbedürftige? Dieser Frage ging Prof. Michael Nitsch bei seinem Auftaktvortrag nach und mahnte an, angesichts der Abarbeitung von Gefährdungsbögen, Menschen nicht „zu auswertbaren Objekten zu machen“. Und der Angst, dass sich ein Fall Kevin wiederholen könnte, realistisch zu begegnen: „Wir können zwar unser Bestes geben, aber nicht 24 Stunden lang bei der Familie sitzen. Wir sind eine Profession, die mit hoher Verantwortung im Feld steht. Lassen Sie sich nicht verunsichern“.

Aber wir können zuhören. Dass ein zugewandter Ton bereits die sicherste Orientierung für Kinder darstellt, zeigte die Kinder- und Jugendtherapeutin Ulrike Hadrich anhand eindrücklicher Filmbeispiele auf. Und Arthur Kröhnert, Geschäftsführer der Kinderschutz-Zentren, ergänzte diese notwendigen Grundfähigkeiten: „Den Menschen, die zu uns kommen, zuzuhören, erfordert Zeit, und damit Menschen ins Sprechen kommen, umso mehr.“ 

Doch Zeitdruck ist häufig eines der Grundprobleme in der Beziehungsarbeit mit Klienten und am Arbeitsplatz. Diese und andere Themen waren in den darauffolgenden Workshops ebenso vertreten wie Achtsamkeit, hilfreiche Haltungen, Beziehungen in der stationären Kinder- und Jugendhilfe oder Möglichkeiten und Grenzen in der Flüchtlingsarbeit.  

Philosoph und Familientherapeut Dr. Ludger Kühling vom Systemischen Institut Tübingen fragte in einem humorvollen Vortrag über Motivation in der Beratungsarbeit in Zwangskontexten, ob es diese überhaupt gebe. Und forderte dazu auf, den Begriff der Autonomie zu hinterfragen, um als Berater*in eine eigene hilfreiche Haltung entwickeln zu können. 

 Kinderarmut wird nicht vererbt, sondern ist gesellschaftlich bedingt

Viel Zuspruch erhielt Dr. Ronald Lutz in seinem engagierten Vortrag am zweiten Tag des Kongresses. Entscheidungsmüdigkeit, tägliche Diskriminierung und mangelndes Verständnis seien erschöpfend auf Familien, die wenig Geld zur Verfügung haben und wirke sich auch auf die Kinder aus. Sie entwickeln geringeres Vertrauen in ihre Umwelt und werden bereits in der Kita weiter benachteiligt. „Wir sind eine armutsunsensible Gesellschaft“, prangerte Dr. Lutz an, deren selektives Schulsystem, das zudem immer mehr in der Wettbewerbsfähigkeit steht, von Armut betroffene deutsche und Migrantenkinder stark benachteilige. Und kaum Angebote biete, z.B. ein kostenloses Frühstücks- und Mittagessen. Weitere Bildungs- oder Sportangebote stünden diesen Kindern nicht zur Verfügung, ihre Gesundheit sei wesentlich schlechter. Diese Spirale drehe sich auch in späteren Bildungssituationen weiter bspw. studieren immer noch wenige Kinder aus ärmeren Haushalten, jedoch ein Großteil der Kinder von Akademikern – insgesamt eine unhaltbare Situation in unserer Gesellschaft. Lutz forderte mehr politische Weitsicht, die Frühe Hilfen langfristig fördert und nicht in Legislaturperioden denkt und regte zum Nachdenken an: „Warum haben wir einen Wehrbeauftragten, aber keinen Kinderbeauftragten?“

Ein weiteres Thema der Fachtagung: Die sich stetig ändernde Medienwelt, die Kinderschützer und Organisationen vor neue Herausforderungen stellt, die nicht nur technische und rechtliche neue Fragen mit sich bringen, sondern auch das Sozialverhalten in den Familien ändert. Zahlen und Fakten dazu lieferte Dr. Claudia Lampert vom Hans Bredow Institut aus Hamburg. In ihrer Studie benutzen bereits 94 Prozent der Erwachsenen in Familien Whats App. Sie nehmen ihre Rolle als Eltern zunehmend auch über Chats wahr, regeln so auch Hausaufgaben der Kinder oder begleiten sie per messages durch den familiären Alltag. Das habe zwar Vorteile, aber führe auch zur emotionalen Entfernung und zur einer übermäßigen gefühlten Kontrolle seitens ihrer Kinder.

Bei so vielen Aspekten und neuen Herausforderungen in der sozialen Arbeit braucht es denn auch gezielte Selbstfürsorge. Sich dieser zu widmen sei kein Luxus, sondern Notwendigkeit, um letztlich wieder Mut zu finden, für den eigenen Beruf und die eigene Rolle, so Kerstin Eichhorn-Wehnert von der Hochschule Coburg.

Fazit: Mehr Mut zu Demokratie wagen, wie es Renate Blum-Maurice, fachliche Leiterin des Kinderschutz-Zentrums Köln, formulierte. Bei sich bleiben, Grenzen finden, aber auch Neues wagen und alternative Lösungswege gehen, das bestimmte die Themen der Referenten in diesen zwei Tagen. Und auch: Mut zum Handeln. Denn: In welcher Welt wollen wir leben?"



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