Das Wissen über sexualisierte Gewalt wird kaum vermittelt
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Das Wissen über sexualisierte Gewalt wird kaum vermittelt

15.08.2017

Keno Burmester ist Referent in der Geschäftsstelle der Kinderschutz-Zentren in Köln. Der Sozialwissenschaftler konzipiert den kommenden Kongress Sexualisierte Gewalt gegen Kinder in familiären Lebenswelten, der am 21. und 22. September 2017 in Bremen stattfindet. Im Interview erläutert er, was Kinderschützer im Umgang mit diesem sensiblen Thema wissen müssen.


Herr Burmester, Die Kinderschutz-Zentren und das Kinderschutz-Zentrum Bremen veranstalten im September in Bremen den Fachkongress „Sexualisierte Gewalt gegen Kinder in familiären Lebenswelten“. Warum?

Wir veranstalten diesen Kongress, weil sexualisierte Gewalt ein zentrales Thema im Kinderschutz ist. Es gibt viele Anfragen an unsere Kinderschutz-Zentren von Kitas, Schulen und anderen Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe, um sie zu unterstützen und zu beraten. Es ist ein Bereich, in dem es viele Unsicherheiten gibt und der besonders vielschichtig und emotional ist. Wir bieten ja auch spezielle Fortbildungen dazu an und da sehen wir immer wieder, wie groß die Unsicherheit bei Fachkräften im Kinderschutz im Umgang mit diesem Thema ist. Als 2010 vermehrt Missbrauchsfälle in kirchlichen Einrichtungen oder Internaten ans Licht kamen, wurde zwar viel in der Politik angestoßen, aber das bezog sich meist auf sexualisierte Gewalt in Institutionen. Doch der überwiegende Anteil der Gewalt, und man schätzt, dass es ca. 70 Prozent sind, findet in familiären Lebenswelten statt, und dabei liegt die Dunkelziffer noch höher. Doch diese Fälle kommen viel seltener ans Licht. Es war uns deshalb ganz wichtig, hier ein Angebot zu machen, Grundkenntnisse über die Dynamiken sexualisierter Gewalt in der Familie zu vermitteln und unsere Erfahrungen aus der Praxis zu Handlungs- und Informationsmöglichkeiten weiterzugeben.

Mit welchen konkreten Herausforderungen und Problemen sehen sich Mitarbeiter*innen im Kinderschutz konfrontiert?

Sie sind besonders, weil sexualisierte Gewalt anders betrachtet wird als körperliche oder seelische Gewalt. Der Erwartungsdruck in der Öffentlichkeit ist groß, die fachlichen Standpunkte sind kontrovers. Das löst neben der eigenen Betroffenheit zusätzlich Unsicherheiten bei Fachkräften aus, zum Beispiel die Angst, Fehler zu machen, selbst am Pranger zu stehen oder das Kind nicht schützen zu können. Die Arbeit findet also immer unter erschwerten Bedingungen statt.

Beim Bekanntwerden von sexualisierter Gewalt zeigen sich sowohl in den Familien, als auch in der Öffentlichkeit ganz eigene und unkontrollierbare Dynamiken, die Wellen schlagen schnell hoch. Was häufig vorkommt, sind Vorverurteilungen, ohne dass die Situation geklärt ist. Da wird die Unschuldsvermutung oftmals außer Kraft gesetzt. Daher ist es enorm wichtig, den eigenen fachlichen Blick und auch eine Ergebnisoffenheit zu behalten. Wenn eine Vermutung im Raum steht, erwarten Eltern von den Fachkräften exakte Antworten, wie und wo bspw. sexualisierte Gewalt stattgefunden hat. Das ist aber oft nicht zu leisten und nicht immer zwingend Aufgabe der Fachkräfte.

Inwiefern spiegeln sich diese Themen auch auf der Konferenz in Bremen wieder?

Sexualität ist generell ein gesellschaftliches Thema, über das sich die meisten Menschen schwer tun, zu sprechen. Und das geht auch Fachkräften so, gerade wenn schwerwiegende Vorwürfe im Raum stehen. Der Sexualwissenschaftler Prof. Uwe Sielert von der Universität Kiel wird dazu z.B. auf unserem Fachkongress eingangs in seinem Vortrag aufklären. Wir wollen vor allem eine Diskussion in Gang bringen und viele Sichtweisen miteinander verbinden, um die Debatte weiter voranzutreiben. In unserem Forum 1 geht es um „Möglichkeiten und Grenzen von Diagnostik in Verdachtsfällen sexualisierter Gewalt“. Dr. Kerstin Porrath wird als Medizinerin fachlich darüber aufklären, wie man sexualisierte Gewalt diagnostizieren kann, ob und wie es möglich ist, diese zu beweisen und wo die diagnostischen Grenzen sind. Hier versuchen wir ganz gezielt, die verschiedenen Professionen miteinander in den Dialog zu bringen, der erfahrene Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut Sven Busboom aus dem Kinderschutz-Zentrum Kiel nimmt ebenfalls an dem Forum teil.

Wir wollen aber auch Grundkenntnisse vermitteln, z.B. welche Traumatisierungen entstehen und wie ich als Kinderschützer damit umgehen kann, aber auch neue Themen einbringen. Zum Beispiel ist sexualisierte Gewalt in den digitalen Medien ein großes Thema, doch es gibt eben sehr viel Unkenntnis – auf beiden Seiten, Eltern wie Fachkräfte. Die meisten Eltern wissen gar nicht, was ihre Kinder im Internet genau machen. Und dazu wird es bei uns auch Vorträge geben, bspw. den von Dr. Friederike Siller von der Technischen Hochschule Köln über Cybermobbing und Sexting und wie Kinderschutz in digitalen Medien gestaltet werden kann.

Die Kinderschutz-Zentren sind auch Kooperationspartner des BMFSFJ beim Aktionsplan zum Schutz von Kindern und Jugendlichen von sexueller Gewalt und Ausbeutung. Wie kann man gesellschaftlich und auch politisch die Arbeit der Kinderschützer verbessern?

Der Aktionsplan der Bunderegierung wird von mir positiv beurteilt. Er bündelt notwendige Maßnahmen und Aktivitäten in einem Gesamtkonzept, sichert die Erhaltung des Themas auf der politischen Agenda und erzeugt so eine gewisse Verbindlichkeit aller Akteure aus den verschiedenen Ministerien und in den Ländern. Ebenfalls gibt es eine breite Beteiligung der Zivilgesellschaft. Das ist enorm hilfreich, um auf Bundesebene Kooperationen in die Wege zu leiten. Es gibt eine gemeinsame Zielrichtung. Aber: Das zentrale Element in dieser ganzen Thematik ist und bleiben die Fortbildungen. Denn: Sexualisierte Gewalt spielt kaum eine Rolle in Lehrplänen, und wenn es eines ist im Curriculum, dann oft aufgrund einer Einzelinitiative eines Lehrenden, aber es ist kein Standard. Wir bieten dazu spezielle Fortbildungen an, und weitere zusatzqualifizierende Ausbildungen für vielfältige Gruppen, wo diese Gewalt auch stattfindet, z.B. Kita oder Schule.  


Anmeldungen zum Fachkongress Sexualisierte Gewalt gegen Kinder in familiären Lebenswelten, der am 21. und 22. September 2017 in Bremen stattfindet, sind noch möglich.



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