Pflegeeltern brauchen Beratung und Unterstützung durch Fachkräfte
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Pflegeeltern brauchen Beratung und Unterstützung durch Fachkräfte

16.11.2017

Ulrike B. (55) ist Mutter von drei erwachsenen Kindern. Gemeinsam mit ihrem Mann hat sie vor neun Jahren ein 9-jähriges Mädchen als Pflegekind in ihre Familie aufgenommen. Vor zwei Jahren kam ein 14-jähriges Mädchen aus Afghanistan hinzu. Als das erste Kind in die Familie kam, waren zwei der eigenen Kinder bereits ausgezogen, nur der jüngste Sohn, damals 16, lebte noch im Hause der Eltern.


Warum haben Sie sich dazu entschieden, ein Pflegekind in Ihre Familie aufzunehmen?

Ich wollte schon immer ein Kind adoptieren, hatte aber nie über die Möglichkeit eines Pflegekindes nachgedacht. Per Zufall kamen wir dann vor neun Jahren in Kontakt mit einem gemeinnützigen Träger der Jugendhilfe aus Bonn, der familienanaloge Betreuungsangebote für Kinder und Jugendliche vermittelt und begleitet. Nachdem wir drei eigene Kinder großgezogen und ihnen ein verlässliches Fundament mit auf den Weg gegeben haben, wollten wir einem Kind, dem es zu Hause nicht so gut geht, auch ein Stück dieser Sicherheit und eine Chance für ein vielleicht besseres Leben geben.

Wie haben Sie sich auf diese verantwortungsvolle Aufgabe vorbereitet bzw. wie wurden Sie vorbereitet?

Im Vorfeld gab es viele Gespräche mit Pädagog*innen und Therapeut*innen, die uns zu Hause besucht und mit uns und unseren Kindern gesprochen haben, um uns kennenzulernen und uns ganz einfach zu informieren, z.B. über mögliche Probleme, die ein Pflegekind mit in die Familie bringt.

Wie wurden Sie im weiteren Prozess begleitet und betreut?

Wir haben das Glück, dass wir von einem multiprofessionellen Team von Fachkräften des Jugendhilfeträgers sehr engmaschig betreut werden. Das Besondere dabei ist, dass sowohl uns als auch dem Pflegekind eine eigene Begleitperson an die Seite gestellt wird, die beide Parteien kontinuierlich berät und unterstützt. Außerdem gibt es regelmäßige Treffen und Hilfeplangespräche, bei denen man schaut, wie es läuft. So kann man bei Problemen rechtzeitig entgegenlenken.

Auch der Kontakt mit der Ursprungsfamilie läuft bei uns über den Träger. Unsere Aufgabe ist es, genau zu beobachten, wie das Kind auf die Kontakte mit den leiblichen Eltern reagiert und das auch rückzumelden. Gerade die Besuchskontakte sind oft belastend für das Kind, da es im Vorfeld Erwartungen aufbaut, die beim Wiedersehen mit den Eltern enttäuscht werden.

Wie sind Sie mit der Option, dass das Kind vielleicht nur kurz in der Familie bleibt, umgegangen?

Ich habe mich immer eher als Wegbegleiterin des Kindes gesehen und nicht als die neue Mutter. Wir bieten dem Kind Beständigkeit und Sicherheit in einer Zeit, in der die eigenen Eltern diese Aufgabe nicht übernehmen können. Aber psychisch kranke Eltern können sich ja auch stabilisieren und dann vielleicht wieder gut für ihr Kind sorgen. Denn in der Regel sind Kinder ihren Eltern gegenüber sehr loyal und möchten bei ihnen leben. Aber natürlich wäre es trotzdem sehr schwer, ein Kind wieder abzugeben, da es ja schnell zu einem Teil der eigenen Familie wird.

Inwiefern unterscheidet sich die Betreuung von einem deutschen Pflegekind von der eines Flüchtlingskindes?

Die Themen, die das Kind mitbringt, sind noch mal anders. Die Traumata durch Flucht, Krieg und extreme Gewalt sind schwerwiegender. Unser Pflegekind aus Afghanistan erzählt manchmal Dinge von ihrem alten Leben, die entziehen sich einfach unserer Vorstellungskraft. Aber als Familie lernen wir so auch wahnsinnig viel, vor allem schätzen wir unser Leben hier noch mal ganz anders.

Ein weiterer Unterschied ist auch der Glaube, der bei unserer Pflegetochter einen viel größeren Raum einnimmt, als wir das hier kennen. Für sie ist Spiritualität viel wichtiger.

Wie wichtig sind Fortbildungen für Sie, um Ihre Aufgabe als Pflegeeltern zu meistern?

Ich habe viele Weiterbildungen im Bereich Trauma gemacht, was sehr wichtig war, um meine Pflegekinder besser zu verstehen und ihre Probleme nachzuvollziehen. Generell ist es immer hilfreich, wenn ein Problem einmal für einen ganzen Tag „professionell“ beleuchtet wird. Besonders wichtig sind uns die Beratung und der regelmäßige Austausch mit den involvierten Fachkräften, da sie uns als Familie kennen und man sich in schwierigen Situationen Rat und Unterstützung holen kann. So werden wir in unserer Aufgabe als Pflegeeltern gestärkt und gewinnen mehr Selbstbewusstsein und Handlungssicherheit.



 

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