Vom Tabu psychisch kranker Eltern
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Aktuelles

Vom Tabu psychisch kranker Eltern

Der Fachkongress Aachen im Rückblick

24.04.2018

„Psychisch kranke Eltern und ihre Kinder“ hieß das Thema des zweitägigen Fachkongresses, der letzte Woche in Aachen stattfand. Gemeinsam mit dem Kinderschutz-Zentrum Aachen hatten die Kinderschutz-Zentren an die 200 Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe und des Gesundheitswesens eingeladen, dieses so wichtige Thema zu diskutieren. Die Kinderschutz-Zentren beschäftigen sich schon seit Längerem mit den spezifischen Bedürfnissen psychisch belasteter Familien, bieten seit 2012 die mehrmodulige Weiterbildung „Kinder psychisch kranker Eltern“ an und haben in der Vergangenheit bereits Kongresse zu diesem Thema veranstaltet. In Aachen haben wir jedoch zum ersten Mal sehr früh angesetzt und den Fokus auf die Frühen Hilfen gelegt, angefangen mit dem Kinderwunsch psychisch kranker Frauen.

Psychisch belastete Frauen mit Kinderwunsch

Dr. phil. Silvia KrummSo wies Dr. phil. Silvia Krumm in ihrem Eröffnungsvortrag auf die Brisanz dieses Themas hin, da Frauen bis Ende der 70er Jahre noch gezwungen wurden, ihre Schwangerschaften zu beenden, wenn sie psychisch erkrankt waren. Auch wenn Zwangsabbrüche inzwischen der Vergangenheit angehören, gibt es im psychiatrischen Umfeld immer noch kaum Gespräche über den Kinderwunsch, sondern eher zur Verhütung mit dem Ratschlag, gewünschte Schwangerschaften zu verschieben.
Viele psychisch kranke Frauen sehnen sich aber nach einem Familienleben als ein Ausdruck von Normalität, fürchten jedoch die Einnahme von Medikamenten, die Vererbung der Erkrankung sowie einen drohenden Sorgerechtsentzug. Dabei sei eine Schwangerschaft und Elternschaft, auch mit entsprechender Medikation, möglich. Wichtig sei die weitsichtige Planung mit professioneller Unterstützung.

Psychische Erkrankungen und ihre Folgen für die Kinder

Auch Prof. Dr. Ute Ziegenhain und Prof. Dr. Albert Lenz betonten, dass psychisch kranke Eltern gute Eltern sein können, dass aber das Risiko für ein dysfunktionales Elternverhalten höher sei. So können belastete Eltern in Stresssituationen ihre eigenen Bedürfnisse oft nur schwer denen der Kinder unterordnen bzw. deren Bedürfnisse wahrnehmen. Dies führt häufig zu einer Rollenumkehr, da die Kinder auf einmal Aufgaben übernehmen müssen wie zum Beispiel kleinere Geschwister in die Kita zu bringen, Einkäufe zu erledigen oder Eltern an die Einnahme ihrer Medikamente zu erinnern.
Entscheidend für Kinder und Familien sei der Umgang mit psychischen Erkrankungen, d.h. wie offen wird die Belastung innerhalb der Familie thematisiert, wie reagiert das Umfeld, und wie ist der gesellschaftliche Umgang mit diesem Thema? Fehlendes Wissen löst beim Kind Verwirrung, Schuldgefühle und Ängste aus, und Sprachlosigkeit und Tabuisierung tragen dazu bei, dass sich Stigmatisierungsprozesse weiter verfestigen. Aufklärungsarbeit und Psychoedukation seien daher unerlässlich.

Wie können Hilfen gelingen?

Was also brauchen nun Familien, und was brauchen Fachkräfte? Einigkeit besteht darin, dass psychische Erkrankungen aus der Tabuzone geholt werden müssen, um belastete Familien und Kinder vor sozialer Isolation zu schützen und Hilfen frühzeitig anbieten zu können. Dafür braucht es qualifizierte Fachkräfte, die für die Bedürfnisse psychisch belasteter Familien sensibilisiert sind. In Anbetracht der Tatsache, dass betroffene Kinder (als Hüter des Familiengeheimnisses) oft überangepasst und unauffällig sind, steht die Frage im Raum, wie man Familien am besten erreichen kann.

Die Kinderschutz-Zentren sind der Überzeugung, dass diese Aufgabe nur durch eine gute Kooperationsarbeit aller beteiligten Akteure und durch tragfähige Netzwerke zu bewältigen ist. Besonders im Hinblick auf die Finanzierung von Hilfen und die unkompliziertere Inanspruchnahme derselben für Familien ist die Erarbeitung von Schnittstellen zwischen den Sozialgesetzbüchern wünschenswert und zwingend erforderlich.


Aktuelle Zahlen zeigen, dass in Deutschland ca. 3,8 Millionen Kinder einen vorübergehend oder dauerhaft psychisch erkrankten Elternteil haben. Betroffene Kinder können in ihrer Entwicklung beeinträchtigt werden und das Risiko, im späteren Leben selbst ein entsprechendes Krankheitsbild zu entwickeln, ist um ein 3-4-Faches erhöht. Die alte Bundesregierung hat das Ausmaß der Problematik erkannt und im Juni 2017 eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, die im kommenden Juli erste Ergebnisse präsentieren soll.



 

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