Rückblick Fachkongress "Sozial-emotionale Vernachlässigung"
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Rückblick Fachkongress "Sozial-emotionale Vernachlässigung"

Vom 28. bis 29. März 2019 fand in Essen der Fachkongress „Sozial-emotionale Vernachlässigung von Kindern – Ursachen, Formen und Hilfen“ statt. Der Fokus des Kongresses lag, wie der Titel verrät, auf der – in der Öffentlichkeit sehr viel seltener im Zentrum der Wahrnehmung stehenden - sozial-emotionalen Vernachlässigung von Kindern.

Die Thematik wurde an den beiden Veranstaltungstagen  im Rahmen von Vorträgen, Workshops und Foren beleuchtet. Die Referent*innen und Teilnehmer*innen hatten dabei die Möglichkeit sich auszutauschen, Handlungsansätze aus den unterschiedlichen Arbeitsfeldern weiterzugeben, Wissen zu aktualisieren und neue Erkenntnisse aus der Forschung zu vermitteln bzw. zu erfahren.

 

Sozial-emotionale Vernachlässigung von Kindern: Wovon sprechen wir eigentlich?

 

Nach der Begrüßung durch den Bundesgeschäftsführer der Kinderschutz-Zentren, Arthur Kröhnert, und einem Grußwort des Jugendamtleiters Ulrich Engelen aus Essen, startet der Kongress mit einem Vortrag von Dr. Heinz Kindler (Deutsches Jugendinstitut, München), der die Thematik mit der Frage einleitet: Worüber reden wir eigentlich, wenn wir von sozial-emotionaler Vernachlässigung in Familien sprechen?

In seiner Präsentation hebt Kindler explizit hervor, dass Kinder, die einer Gefährdungsform ausgesetzt sind, mit hoher Wahrscheinlichkeit auch noch einer zweiten oder dritten Gefährdung ausgesetzt sein werden: „Kinder, die frühe emotionale Vernachlässigung erfahren, sind auch häufiger Betroffene von sexueller Gewalt.“

 

Psychosoziale Belastungen in der Kindheit: Langzeitfolgen und Prävention

 

Im Anschluss diskutiert Professor T. Ulrich Egle (Sanatorium Kilchberg) die Auswirkungen früher Stresserfahrungen auf das Erwachsenenalter und unterstreicht in diesem Kontext besonders die Bedeutsamkeit der ersten beiden Bindungsjahre. Auch die Auswirkungen pränataler Stressfaktoren und Traumata, die lange vor der Schwangerschaft stattgefunden haben können, bezieht der Professor in seinen Vortrag mit ein.

Mit einem besonderen Augenmerk auf das Thema Prävention und dem damit verbundenen Ziel, auch sogenannten Mehrgenerationeneffekten entgegenzuwirken, verweist Prof. Egle auf die ökonomischen Vorteile, die mit frühen Präventionsmaßnahmen einhergehen. Bereits zu Beginn seines Vortrages hat er die Teilnehmer*innen über die Kindheitsbelastungsfaktoren informiert, die Krankenkassen im Blick haben.

 

In welchen Situationen fühle ich mich nicht mehr hilfreich? -  Wann fühle ich mich nicht mehr wirksam?

 

Birgit Maschke (Fachstelle Kinderschutz, Lauenburg) und Dirk Thiemann (PINK Training und Beratung gGmbH, Hamburg) diskutieren mit den Teilnehmer*innen das Problem, „Wenn Hilfen nicht (mehr) helfen … und das Hilfesystem sich nicht einig ist“.  

In der Runde melden sich unterschiedliche Professionen zu Wort, wobei unter anderem der Begriff „des Systemsprengers/der Systemsprengerin“ von den Teilnehmer*innen zum Gegenstand der Diskussion gemacht  wird. Der Terminus sei, so eine Teilnehmerin, dahingehend schwierig,  weil er impliziert, dass Systeme starr und festgefahren sind und nur aus diesem Grund überhaupt gesprengt werden können. Entgegnet wird dieser These aus der Runde, dass nicht das System selbst das Problem ist, sondern eher die festgelegten politischen Rahmenbedingungen - das Ausweiten von Ressourcen könnte eine mögliche Maßnahme sein, sogenannten „Systemsprengern“ zur Seite zu stehen, so der Vorschlag.

 

Entwicklungstraumatisierte Kinder: Was passiert eigentlich im Gehirn?

 

 

Den dritten Vortrag gestaltet Katrin Boger  (Praxis für Psychotraumatologie, Aalen), indem sie sich mit prä- und perinatalen Traumata in den ersten Lebensjahren auseinandersetzt. Neben der Erläuterung spezifischer Symptome entwicklungstraumatisierter Kinder,  wie beispielsweise  fehlende Gefühls- und Körperwahrnehmung und/oder fehlende Empathiefähigkeit und Impulskontrolle erklärt die Referentin den Teilnehmer*innen, was im Gehirn bei einem Traumata vor sich geht und welche Konsequenzen die posttraumatischen Belastungsstörungen für die betroffenen Kinder bedeuten können.

Zeitgleich zu den Foren finden in unterschiedlichen Räumlichkeiten einzelne Workshops statt.

 

Wenn Eltern (sich) aufgeben

 

 

Den ersten Vortrag des zweiten Kongresstages eröffnet Ansgar Röhrbein  (Märkischen Kinderschutz-Zentrum, Lüdenscheid) unter der Überschrift „Isoliert, kraftlos, alleingelassen – Wenn Eltern (sich) aufgeben“. Nebst der Vorstellung aktueller themenspezifischer Forschungsergebnisse  konzentriert sich der Referent  unter anderem auf Bedürfniskategorien und das Kontrollbedürfnis im Besonderen.

 

Lernen ohne Angst: Das Prinzip der Freiwilligkeit im Jugendarrest

 

Das zweite Forum wird von Maurice Ninnemann und Dirk Weber (Jugendarrestanstalt Düsseldorf) in Zusammenarbeit mit  Dr. Thomas Müller (Julius-Maximilians- Universität Würzburg) gestaltet. Neben kreativen Ansätzen in der Arbeit mit vernachlässigten Jugendlichen geht es zentral um die Frage: Gefährdet oder gefährdend?

 

 

Die Teilnehmer*innen des Forums haben die Möglichkeit einen Einblick in den pädagogischen und schulischen Alltag der Jugendarrestanstalt Düsseldorf zu bekommen, um im Anschluss mit den Referenten einzelne Aspekte und Fragen zu debattieren. Unter anderem wird der Sinn und Zweck von Arreststrafen für Schulverweigerer diskutiert und gemeinsam beleuchtet welche Aufgabe und Funktion niederschwellige Angebote in der Jugendhilfe haben.

Ergänzt werden die geschilderten Realitäten und Überlegungen zum  Jugendarrest um die Phänomene  "Verhalten und Erleben" und  welche Rolle sie in Konfliktsituationen spielen.  Dr. Thomas Müller hält in diesem Zusammenhang fest, dass jedes Verhalten einen Lösungs- oder Anpassungsversuch darstellt und es in erster Linie immer um Annäherung und nicht die Veränderung von Verhaltensweisen gehen sollte.

 

Emotionale Vernachlässigung und ihre Auswirkungen pädagogischer Vertrauensbeziehungen

 

Der Abschlussvortrag beschäftigt sich mit dem Phänomen des Vertrauens und welche Auswirkungen die emotionale Vernachlässigung von Kindern auf pädagogische Vertrauensbeziehungen haben können.  Die Präsentation von Dr. Thomas Müller gibt außerdem den Anstoß Generalisierungstendenzen zu hinterfragen und  im Kopf zu behalten, dass

  • sich Vertrauen vor dem Nachdenken entwickelt
  • nicht ge- bzw. überprüft werden kann
  • Menschen sich nicht rational dazu entscheiden zu ver- oder misstrauen und
  • das Vertrauen im Gegensatz zur Verlässlichkeit, die ohne das Vertrauen auskommt, nicht aufgebaut werden kann, sondern vorhanden ist oder nicht.

 

Resümee

Der Fachkongress hat hervorgehoben, dass die Folgen sozial-emotionaler Vernachlässigung gravierend sind und viel mehr in das Zentrum der fachlichen und öffentlichen Wahrnehmung gerückt werden müssen.  Sozial-emotionale Vernachlässigung ist keine aktive Misshandlung mit deutlich sichtbaren Spuren, sondern eine durch das Unterlassen von entwicklungsnotwendigem Handeln eher stille und schleichende Gewaltanwendung gegen Kinder.

 

Fortbildung: Am 9. September 2019 findet die Fortbildung „Emotionale Vernachlässigung und pädagogische Handlungsmöglichkeiten“ unter der Leitung von Dr. Thomas Müller (Universität Würzburg) in den Räumlichkeiten der Kinderschutz-Zentren statt. Zur Onlineanmeldung und weiteren Informationen geht es hier.