Rückblick 2. Jahreskonferenz zum Thema "Sexuelle Gewalt in familiären Lebenswelten"
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Rückblick 2. Jahreskonferenz zum Thema "Sexuelle Gewalt in familiären Lebenswelten"

Vom 9. bis 10. Mai 2019 fand in München die 2. Jahreskonferenz der Kinderschutz-Zentren „Sexuelle Gewalt in familiären Lebenswelten“ statt. Der Fokus des Kongresses lag auf den Ursachen, Dynamiken und Auswirkungen sexueller Gewalt innerhalb der Familie und der damit einhergehenden Scham und dem Unwohlsein, wenn es darum geht, dass die Gewalt von Kindern selbst ausgeht.

Die Thematik wurde an den beiden Veranstaltungstagen im Rahmen von Vorträgen, Workshops und Foren beleuchtet. Die Referent*innen und Teilnehmer*innen hatten dabei die Möglichkeit sich auszutauschen, Handlungsansätze aus den unterschiedlichen Arbeitsfeldern weiterzugeben, Wissen zu aktualisieren und neue Erkenntnisse aus der Forschung zu vermitteln bzw. zu erfahren.

 

Schutzkonzepte für das Pflegekinderwesen: Foster Care, offene Fragen und dringender Handlungsbedarf

 

Nach einer Begrüßung durch Arthur Kröhnert (Bundesgeschäftsführer der Kinderschutz-Zentren) und Kirstin Dawin (Leitung KinderschutzZentrum München), hat Keno Burmester (Referent der Kinderschutz-Zentren) die Teilnehmer*innen und Referent*innen durch die Kongresstage begleitet.

Eröffnet wird die bundesweite Fachveranstaltung mit einem Vortrag von Prof. Dr. Mechthild Wolff (Hochschule Landshut), die unter der Überschrift Welche Schutzkonzepte braucht das Pflegekinderwesen? erste Ergebnisse aus dem Projekt Foster Care1 vorstellt. Das Verbundprojekt konzentriert sich auf die Erfahrungsberichte von Pflegeeltern, Fachvertreter*innen und Care Leavern.  Ziel ist es, anhand der Expertise zu schauen, wie Schutzkonzepte gestaltet werden können.

Nebst unterschiedlichen Methoden, stellt die Referentin Formen der Elternschaft und verschiedene Infrastrukturen vor. Das Projekt Foster Care zeigt ein Vielzahl an offenen Fragen auf, unter anderem: Was wissen wir eigentlich über die Leistungsfähigkeit von Schutzkonzepten? Abschließend hält Mechthild Wolff fest, dass der Missbrauchsskandal von Lügde verdeutlicht hat, dass es keine Handlungskonzepte für Krisensituationen gibt, „weil diese oftmals schlichtweg nicht mitgedacht werden“.

 

Sexualisierte Gewalt durch Geschwister: Begrifflichkeiten und Thesendiskussion

 

Dr. Esther Klees erklärt einleitend, dass sich sexualisierte Gewalt durch Geschwister auf alle Geschwisterkonstellationen bezieht; auch wenn die am häufigsten stattfinden Form der Übergriffigkeit, die vom älteren Bruder auf die jüngere Schwester ist, betrifft es auch Schwester-Schwester, Bruder-Bruder und Schwester-Bruder. Klees informiert in ihrem Vortrag, dass bei der Übergriffigkeit durch Geschwister nicht die sexuelle Präferenz, sondern die Verfügbarkeit im Vordergrund steht: „Ein Kind hat erzählt >>ich habe meine Schwester missbraucht, weil ich sie rund um die Uhr kontrollieren konnte<<“. Im Umkehrschluss ist es dem betroffenen Kind kaum möglich, sich aus den Situationen herauszuziehen.

In Bezug auf die These „Sexualisierte Gewalt durch Geschwister ist eine der am stärksten tabuisierten Formen sexualisierter Gewalt“ merkt die Referentin an, dass Fachkräfte oft wenig Kenntnisse zum Thema haben, der Forschungsstand in Deutschland höchst defizitär ist und die Übergriffigkeiten oft als Doktorspiele verharmlost werden.

Das missbrauchende Geschwister, so Klees, übernimmt nicht selten eine parentifizierende Rolle innerhalb einer oftmals von Gewalt dominierten Familien und übt in diesem Setting Macht auf das betroffene Geschwisterkind aus. Ein Grundproblem im Hilfeprozess, so die Referentin, sei außerdem auch, dass „das vermeintliche Familienglück in den Händen des missbrauchten Kindes liegt“ und die betroffenen Kinder nicht nur eine ambivalente Haltung zum missbrauchenden Geschwister haben, sondern sich auch selbst oft schuldig fühlen.

 

Herausforderungen für die Gestaltung von Kooperationsprozessen

 

In Forum I diskutieren Dr. Christian Pröls (KinderschutzZentrum München) und Helmut Maier (Stadtjugendamt Erlangen) welche Herausforderungen sich für die Gestaltung von Kooperationsprozessen im Bereich sexueller Gewalt in der Familie ergeben. Die Fachkräfte seien unter anderem mit unterschiedlichen Handlungsaufträgen und gesellschaftlichen Veränderungen konfrontiert, die mit einem erheblichen Koordinierungs- und Kooperationsbedarf verknüpft sind: „Es wird kompliziert, wenn wir über Kooperationen nachdenken“ (C. Pröls).

Im Anschluss stellen die Referenten eine Fallvignette vor und bitten die Teilnehmer*innen in die Rollen der sich daraus ergebenden Akteur*innen zu schlüpfen (missbrauchendes und betroffenes Kind, Eltern, Lehrer*innen, Polizei, Jugendamt usw.).

>>Einblick in die sich daran anschließende Auswertung<<

Referenten und Teilnehmer*innen diskutieren die sich aus den Rollen entwickelnden Dynamiken, welche Fragen/Impulse die Statements/Empfindungen der einzelnen Akteur*innen ausgelöst haben und was das in der Summe für Kooperationsprozesse bedeuten kann.  Zum Ende wird zusammengefasst: „Es gibt nicht die eine Dynamik – es gibt viele Dynamiken“, die wiederum von verschiedenen Einflussfaktoren abhängig sind.

 

Berufliche Weiterbildung zum Thema: Am 18. und 19. November 2019 findet in Köln die zweitägige Fortbildung "Sexualisierte Übergriffe durch Jugendliche an Kindern - eine Herausforderung (nicht nur) für die Jugendhilfe" mit Helmut Maier (Statdjugendamt Erlangen) statt. Weitere Informationen finden Sie hier, zur Anmeldung geht es hier.

 

„Was hat man dir, du armes Kind, getan?“

 

Im dritten und abschließenden Vortrag des Tages thematisiert Elke Garbe (Praxis für Supervision und Fortbildung, Hamburg) die Dynamiken sexueller Gewalt in Familien. Es geht um die schleichende Implantation, um Bindungs- und Abhängigkeitsstrukturen und die Bedürftigkeit von Kindern, die Haupttäter strategisch für sich nutzen. Die Referentin spricht vom „Räderwerk der transgenerationalen Weitergabe“, indem frühe sexuelle Übergriffe nicht verarbeitet und an die nächste Generation weitergegeben werden.

Elke Garbe unterstreicht, dass sexuelle Gewalt in der Familie in geschlossenen, unklaren Systemen geschieht und die betroffenen Kinder mit unterschiedlichen Schuld- und Schamgefühlen konfrontiert sind: „Kinder haben nicht die Möglichkeit zu fliehen, sie ziehen sich in sich zurück – das ist eine Form der Unterwerfung“.

 

Die Trennungsfamilie: Hochstrittigkeit und Transformationsprozesse

 

Den ersten Vortrag des zweiten Kongresstages eröffnet Dr. Katharina Behrend (Lösungsorientierte Begutachtung im Familienrecht, Lemgo) unter dem Titel „Konfliktdynamiken der Trennungsfamilie und Systemische Arbeit“. Der Fokus liegt auf der Trennungsfamilie, der Wut, die mit Verlusterfahrungen einhergeht und Transformationsprozessen, bei denen Trennungsfamilien besonders begleitet und unterstützt werden müssen. Hochstrittigkeit, so die Referentin, begünstigt den Verdacht sexuellen Kindesmissbrauchs, unter anderem weil Trennungen eigenen Dynamiken unterliegen und in Trennungsgefügen häufig affektgeladen agiert wird.

Dr. Behrend verweist auch auf Loyalitätskonflikte, denen Kinder aus Trennungsfamilien ausgesetzt sind und Spannungen, die für die betroffenen Kinder damit einhergehen und oftmals schwer auszuhalten sind. Die Ursachenfolge ist häufiges Somatieren bei den betroffenen Kindern.

 

Modelle: Was haben sie zu bieten? Und wie geht es gut kindgerecht?

 

In Forum II hinterfragen Dr. Thomas Meysen (SOCLES Fachberatungsgesellschaft mbH) und Jessika Kuehn-Velten (KinderschutzAmbulanz Düsseldorf/Die Kinderschutz-Zentren) was zu tun ist, wenn der Verdacht des sexuellen Kindesmissbrauchs im Raum steht. Es werden Konzepte kindgerechter Begleitung in Fällen sexueller Gewalt diskutiert. Die Referentin demonstriert die Rollenvariabilität von Akteur*innen im Verdachtsmoment und unterstreicht die Auswirkung des Verdachts auf die einzelnen Akteur*innen.

Dr. Thomas Meysen stellt das skandinavische Modell Barnahus vor, das durch seinen interdisziplinären Ansatz alle beteiligten Berufsgruppen im Fall von sexuelle, Kindesmissbrauch im sogenannten Barnahus (Kinderhaus),  in einer kinderfreundlichen Atmosphäre  vereint. In einer offenen Runde diskutieren die Referent*innen und Teilnehmer*innen die Vor- und Nachteile des Modells und die Frage, wie sich die Schwierigkeit zwischen Helfen und Kontrolle ausbalancieren könnte.

Während der Foren finden an beiden Kongresstagen insgesamt zehn Workshops statt, die das Thema aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten.

Den letzten Vortrag des Fachkongresses hält Sabine Weber (Trauma Hilfezentrum München e.V.), die unter der Überschrift  "Es gibt ein Leben danach!" - Über die Verarbeitung von Gewalterfahrungen in der Kindheit" einen sehr persönlichen Einblick in die Folgen, aber  auch die Bewältigung von sexualisierter und ritueller Gewalt gibt.

 

 


1 https://forschungsnetzwerk-erziehungshilfen.de/projekt/fostercare/

 



 

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