Rückblick Fachkongress: Das Kindeswohl zwischen Kinder- und Jugendhilfe, Medizin und Justiz
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Rückblick Fachkongress: Das Kindeswohl zwischen Kinder- und Jugendhilfe, Medizin und Justiz

Der Fachkongress "Das Kindeswohl zwischen Kinder- und Jugendhilfe, Medizin und Justiz" fand vom 17. bis 18. Juni 2019 in Leipzig statt und konzentrierte sich auf die komplexe Aufgabe Kinderschutz mit Blick auf die unterschiedlichen rechtlichen Grundlagen und Arbeitsaufträge der eingebundenen Systeme näher zu beleuchten und zu diskutieren.


Während der zwei Kongresstage hatten die Referent*innen und Teilnehmer*innen die Möglichkeit, sich auszutauschen, neue Arbeits- und Handlungsansätze zu erarbeiten und sich über die aktuellsten Forschungsergebnisse zu informieren.

 

Erster Kongresstag: 17. Juni 2019

Den ersten Vortrag hält Prof. Dr. Reinhold Schone (Fachhochschule Münster), der unter der Überschrift „Kinderschutz zwischen den Systemen – Herausforderungen für interprofessionelles Handeln“ einleitend  den Terminus Kinderschutz und die damit sehr unterschiedlich assoziierten Erwartungen, Herangehensweisen und Auslegungen in den Raum stellte. Nebst der differierenden Begriffsverständnisse, die in Abhängigkeit zu den jeweiligen Systemen stehen, geht es um die Herausforderungen, die interprofessionellen Kooperationen gegenüberstehen:  unterschiedliche Ziele und Aufgaben, Rahmenbedingungen, Handlungsformen, Befugnisse und Grundhaltungen erschweren den Wunsch und die Notwendigkeit nach einer gelungen Zusammenarbeit.

Die typischen Probleme in Interventionssystemen sieht Prof. Dr. Schone in den oftmals unklaren Schnittstellen, unproduktiven Delegationsketten, der Angst und Überforderung der Fachleute, aber auch Prestige und Machtkonflikten und ungeklärten Zuständigkeiten. Die Bereitschaft, mehr über die anderen Institutionen zu erfahren, sei einer der wichtigen und gewinnbringenden Schritte gelingender, systemübergreifender Kooperationen.

Die Staatsanwältin i. R. Dagmar Freudenberg erklärt unter dem Titel „Auf dem Weg zu einer kinderfreundlichen Justiz“ die grundsätzlichen Rechte Minderjähriger. Neben den internationalen Rechtsgrundlagen, der Kinderrechtskonvention und dem EU Opferschutz, geht es auch um die psychosoziale Prozessbegleitung: „Ich glaube die psychosoziale Prozessbegleitung muss viel breiter aufgestellt sein. Sie wird nicht oder nur im Einzelfall verwendet, was fatal ist“.

Auch das Qualitätsmanagement nimmt die Staatsanwältin i.R. ins Visier. Fortbildungen sei einer der wichtigen Aspekte des effektiven Qualitätsmanagements und in allen Bereichen erforderlich und anerkannt. Die Akteur*innen der Justiz müssten mehr zu den Bedarfen und Fragen kindlicher Opfer und Zeugen geschult werden, damit sei ein multidisziplinärer Austausch von Praktiken unter den Fachkräften und Supervision gemeint, so Freudenberg.

 

In Forum I thematisieren die Referentinnen Dr. Sibylle Banaschak (Institut für Rechtsmedizin, Uniklinik Köln) und Asita Mahabadi (Ärztliche Kindeschutzambulanz Münster) „Diagnostiken und Hilfen bei sexueller Kindesmisshandlung“. Die Referentinnen heben hervor, dass die Symptome sexueller Gewalt in den meisten Fällen unspezifisch, selten eindeutig sind. Frau Dr. Banaschak erläutert an Hand von Fallbeispielen das medizinische Vorgehen beim Verdacht von sexuellem Kindesmissbrauch und unterstreicht, dass sexueller Missbrauch nicht aufgrund medizinischer Untersuchungen ausgeschlossen werden kann: „Es gibt kaum einen Bereich, indem ich so viele Fehlbefunde habe, wie beim kindlichen Genitalbereich“.

Frau Mahabadi stellt klar, dass der sexuelle Missbrauch meist eine von vielen Belastungen für das Kind ist, welches sich in einem von Scham und oftmals Vernachlässigung dominierten, geschlossenen Systemen bewegt. Meist findet der Missbrauch innerhalb vertrauter Beziehungsstrukturen statt. Zur missbrauchenden Person verspürt das Kind große Loyalität und Verbundenheit. Diese Möglichkeit muss ganz besonders von der diagnostizierenden Person im Blick behalten werden.

Die Balance zwischen Rettungsgedanke und Selbstschutz sei für das Fachpersonal, so Frau Mahabadi, ein schwieriger Spagat. Einander gegenüber stehen das Überinterpretieren von Symptomen und der blind machende Selbstschutz des Diagnostikers, für den das möglich Geschehene oftmals kaum aushaltbar ist. Für das Fachpersonal bleibt die gründliche  Dokumentation das A und  O bestmöglicher Transparenz.

 

Tijs Bolz (Carl von Ossietzky Universität Oldenburg) thematisiert Systemsprengende Hilfekarrieren mit Blick auf junge Menschen in der „Pendelbewegung“ zwischen Kinder- und Jugendhilfe und Psychiatrie. Der Referierende verweist auf die Notwendigkeit sich im Rahmen der Definitionsanalyse mit dem Terminus Systemsprenger auch die damit verbundenen Systemlogiken genauer anzuschauen. Wer welches System sprengt hängt nach Bolz stark von der Beschaffenheit des Systems, den Begriffszuschreibungen und Rahmenbedingungen ab. Ausschlaggebend für das Verständnis, die Prä- und Intervention sind: strukturelle Rahmenbedingungen, subjektive Empfindungen, institutionelle Zwänge und gleichermaßen auch Möglichkeiten.

Der Referent verdeutlicht, dass „Fall verstehen“ die Grundlage verkörpert, auf der pädagogische Maßnahmen aufbauen sollte. Im Rahmen weiterer Erziehungs- und Settingplanung muss geklärt werden, wie ein Setting aufgestellt sein soll, damit der junge Mensch nicht dagegen kämpfen muss und  welches Setting die Mitarbeiter*innen brauchen, um den jungen Menschen halten zu können.

Kinder die aus schwierigen Situationen zu schwierigen Kindern werden fordern das System nach Bolz bewusst heraus. Die zentrale Frage lautet „Wie lange bin ich tragbar? Wann werfen die mich raus?“ – das Kind, so der Referierende, wird zum Profi pädagogischer Bemühungen.

 

Zweiter Kongresstag: 18. Juni 2019

 

Prof. Dr. Albert Lenz (Institut für Gesundheitsforschung und Soziale Psychiatrie Dortmund) spricht in seinem Vortrag über psychisch erkrankte Eltern und ihre Kinder, wobei er sich besonders auf die Risiken und präventiven Unterstützungen im Spannungsfeld von Jugend- und Gesundheitshilfe konzentriert. Viele verschiedene Belastungsfaktoren sind seiner Meinung nach besonders in den Blick zu nehmen, speziell: Elternbezogene Belastung, Kindbezogene Belastung, Familiäre Belastung und Soziale Belastung. Wobei die Hauptbelastung der Kinder nicht in der Art der psychischen Erkrankung des Elternteils, sondern vielmehr der Vielzahl der Belastungsfaktoren liegt.

Prof. Dr. Lenz erklärt, dass es sich um einen wechselseitigen Teufelskreis handelt, die Belastungsfaktoren sich gegenseitig verstärken und zwar nicht nur die der Kinder, sondern auch die der Eltern: Die kindlichen Probleme, die sich aus der psychischen Erkrankung der Eltern ergeben, erhöhen auch wiederum die elterliche Belastung und wirken sich negativ auf deren psychische Erkrankung aus.

Wichtig seien passgenaue Hilfen und das Bewusstsein, dass Hilfen nicht nebeneinander, sondern miteinander koordiniert werden müssen. Der Referierende hebt ganz besonders Resilienz als dynamischen Prozess und die Fähigkeit zur Mentalisierung als zentraler Mechanismus der Resilienz hervor. Die Professionelle Haltung mentalisierungsbasierter Interventionen setzt unter anderem voraus, die Realität des anderen empathisch ernst zu nehmen und eine von Neugier und inquisite beziehungsweise fragende Haltung einzunehmen. Den Klienten beispielsweise mentale Zustände zuzuschreiben, die auf eigenen Vorahnung beruhen, lähmen den Prozess des Mentalisierens.

In Forum II beschäftigen sich Frauke Schwier (Leitlinienbüro Universitätsklinikum Bonn) und Henriette Katzenstein (Kinder- und Jugendhilfe Weiter denken, Neckargemünd) mit der neuen medizinischen Kinderschutzleitlinie. Frau Schwier erläutert den Entwicklungsprozess der Leitlinie und deren Inhalte; ein passgenaues Moment gäbe es nicht, die Leitlinie muss als eine Version von vielen Möglichen verstanden werden.

Die Referentin verweist außerdem auf die Webseite pilani, die sich an Kinder und Jugendliche richtet die Zuhause, in der Schule oder in der Freizeit Sorgen und Probleme haben.

Den letzten Vortrag des Fachkongresses hält Kerstin Eichhorn-Wehnert (Hochschule Coburg) unter dem Titel „Selbstfürsorge als Teamprojekt für eine gelingende Kooperation im Kinderschutz“. Die Referentin erläutert welchen Stellenwert die Selbstfürsorge im Beruflichen einnehmen sollte und ihren Mehrgewinn für Arbeitgeber und Arbeitnehmer.

Gerade in aufreibenden Berufsfeldern wie der Kinder- und Jugendhilfe können mangelnde Selbstfürsorge und das  Fehlen von fürsorgenden Strukturen innerhalb von Institutionen zu einer sinkenden Arbeitsqualität und dem Ausbrennen des Fachpersonals führen.

 

Fachkongresse der Kinderschutz-Zentren 2019