Kinderschutz in der Migrationsgesellschaft: Interview mit Prof. Dr. Antje Krueger
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Kinderschutz in der Migrationsgesellschaft: Interview mit Prof. Dr. Antje Krueger

Frau Krueger, Sie sind seit Beginn des Wintersemesters 2018/2019 Professorin für Soziale Arbeit in der Migrationsgesellschaft und Internationale Soziale Arbeit an der Hochschule Bremen. 

Welche Handlungsschwerpunkte ergeben sich Ihrer Meinung nach für die Kinder- und Jugendhilfe und den Kinderschutz in der Migrationsgesellschaft?

 

Zunächst braucht es eine intersektionelle und interdisziplinäre Perspektive, die sowohl strukturelle Ungleichheitsverhältnisse als auch individuelle Bedarfe berücksichtigt. Daraus ergeben sich ganz unterschiedliche Handlungsschwerpunkte. Beispielsweise müssten mit Blick auf unbegleitete geflüchtete Kinder und Jugendliche die Handlungsansätze in Bezug auf Altersfestsetzung, vermeintliche Kindselternschaften und die Übergänge der jungen Volljährigen so verändert werden, dass Kinder und Jugendliche geschützt, vor allem aber unterstützt und nicht diskriminiert oder entrechtet werden. Im Bereich der Familienzusammenführungen geht es meines Erachtens darum, Maßnahmen flexibler zu gestalten und vor allem für die vorgereisten Kinder und Jugendlichen Möglichkeiten zu schaffen, mit denen sie die gewonnene Autonomie genauso leben dürfen wie eine (neue) familiäre Zukunft.

 

Das bedeutet einerseits, Energie in Elternarbeit zu investieren, andererseits gegebenenfalls aber auch Konzepte stationärer Unterbringung genauso wie Empowerment-Ansätze neu zu denken bzw. (weiter) zu entwickeln. Eine höhere Aufmerksamkeit brauchen aber auch Kinder und Jugendliche aus den so genannten sicheren Herkunftsländern und diejenigen, die schon länger in Deutschland leben oder hier geboren sind. Kinderschutz in der Migrationsgesellschaft bedeutet, die Lebensbedingungen für Kinder und Jugendliche und ihre Familien gesamtgesellschaftlich zu verbessern und einzuschreiten, wenn Kinder und Jugendliche auf vielen alltäglichen Ebenen von Ungleichheit und Ausgrenzung betroffen sind. Dabei muss die Soziale Arbeit aktiv ihr politisches Mandant wahrnehmen und auch diejenigen Kinder und Jugendlichen adressieren, die selbst (oder deren Umfeld) mit den Herausforderungen einer pluralen Gesellschaft hadern oder diese ablehnen. Ganz grundsätzlich geht es um die Etablierung von stärkenden und schützenden Angeboten, die den verschiedenen Lebenssituationen von Kindern und Jugendlichen gerecht werden.

 

Welche Haltungen/Verständnisse sind für die migrationssensible Arbeit der Fachkräfte von Bedeutung?

Wie schon angedeutet ist meines Erachtens eine intersektionelle, diskriminierungsbewusste und selbstreflexive Herangehensweise von großer Bedeutung. Fachkräfte müssen sich meines Erachtens stärker auf ihre eigenen Zuschreibungsmuster und Stereotype hinterfragen, sollten aber auch überlegen, wie sie ihre Privilegien produktiv und solidarisch nutzen können, um gegen strukturelle und institutionelle Diskriminierung vorzugehen. Entgegen aller Konzepte, die interkulturelle Kompetenz suggerieren und versuchen, Rezeptewissen für den Umgang mit vermeintlich kulturell oder religiös homogenen Gruppen bereitzustellen, sollten sich Fachkräfte wieder selbstbewusster auf die klassischen Methoden der Beziehungsgestaltung berufen.

Wie in allen Feldern der Sozialen Arbeit geht es dabei immer darum, die Eigenarten des Gegenübers kennenzulernen, anzuerkennen, bisweilen auszuhalten und sich von der individuellen Begegnung überraschen zu lassen. Damit das gelingen kann, braucht es einen konstruktiv-kritischen Umgang im Team und in den Institutionen, ein gewisses Maß an Fehlerfreundlichkeit, eine verbindliche supervisorische Begleitung und Zeiten und Räume des Nachdenkens, die oft nicht selbstverständlich sind.

 

Migrationssensibilität setzt in erster Linie die Auseinandersetzung mit Kulturen, Riten und religiöser Vielfalt voraus. Wie können die Fachkräfte eben solches Wissen mit Blick auf den oftmals sehr überlasteten Berufsalltag in der Kinder- und Jugendhilfe erwerben?

Ich würde Ihnen so nicht zustimmen. Migrationssensibilität bedeutet für mich viel mehr, sich bewusst mit den Herausforderungen gesellschaftlichen und individuellen Zusammenlebens unter dem Vorzeichen von Migration auseinanderzusetzen. Dazu gehört es zum einen, Lebensbedingungen und Strukturen in den Herkunftsländern und der Aufnahmegesellschaft in den Blick zu nehmen und diese in ihrer möglichen Wechselwirkung zu betrachten. Dazu gehört es, sich mit (post- bzw. neo-) kolonialen Realitäten, Rassismus, Krieg, Ausbeutung und Trauma auseinanderzusetzen und mit der Tatsache, dass Menschen entlang von Herkunftsländern und Migrationsmotiven klassifiziert und mit ungleichen Chancen der Lebensgestaltung und Lebensbewältigung ausstattet werden. Entsprechend würde auch dazu gehören, daran zu arbeiten, wie Empowermentprozesse gestaltet werden müssten und könnten. Wissen um spezifische Normen und Werte, um mögliche Strategien und Ressourcen  kann dabei, so lange es nicht als kollektive Schablone fungiert, den Weg zu gewünschten oder erforderlichen Unterstützungsangeboten und Schutzaufträgen ebenen.

Ich denke, dass die Soziale Arbeit in der Migrationsgesellschaft hohe Anforderungen an Fachkräfte stellt - zurecht verweisen Sie auf den überlasteten Berufsalltag – entsprechend dürfte sich auch die inhaltliche Weiterbildung der Sozialarbeitenden nicht als Zusatzaufgabe und Zusatztermin gestalten. Dazu braucht es einen höheren Personalschlüssel und Fenster im Rahmen der Arbeitszeit sowie das Selbstverständnis in Sozialpolitik, Behörden und Trägern, dass Reflexion wie Fort- und Weiterbildung notwendige Instrumente von Professionalität darstellen und entsprechend auch finanziert werden müssen.

 



 

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