Im Blick: Kommentierte Daten der Jugendhilfe
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Aktuelles

Im Blick: Kommentierte Daten der Jugendhilfe

Erläuterte Zusammenfassung

„KomDat Jugendhilfe – Kommentierte Daten der Jugendhilfe“ ist der Informationsdienst der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik und wird dreimal im Jahr veröffentlicht. Die aktuellen Zahlen und die sich daraus ergebenden Interpretationen sind auch für die Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe interessant. Nachstehend werden zwei der fünf von KomDAT in den Blick genommenen Schwerpunkte zusammengefasst und stellenweise um Erläuterungen erweitert:

  • Gefährdungseinschätzung und Kindeswohlgefährdung
  • Inobhutnahme aus Familien

Der Informationsdienst der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik verweist darauf, lediglich mögliche Erklärungen einander gegenüberzustellen und Hinweise für die weitere Diskussion zu liefern.

 

Höchste Zunahme von Gefährdungseinschätzung und Kindeswohlgefährdung seit Einführung der Statistik

In Kürze Die Fallzahlen der „8a-Verfahren“ haben mit einer Zunahme von 9,8% zum Vorjahr einen neuen Höchststand erreicht. Die „Gefährdungsquoten“ steigen analog zum Bundesergebnis in 10 Ländern an und gehen in 6 Ländern zurück. Die Zunahme der Kindeswohlgefährdungen resultiert aus den Anstiegen in Bayern, Nordrhein-Westfalen und Berlin. Die Zunahme von „8a-Verfahren“ fällt für einzelne Altersgruppen unterschiedlich aus: Die höchsten Zuwächse entfallen auf die 3- bis unter 6-Jährigen, die nahezu vollständig institutionell in Kindertageseinrichtungen betreut werden. Altersdifferenzierte Ergebnisse können daraufhin deuten, dass beispielsweise Bemühungen zur Qualifizierung der Vorgehensweise bei gewichtigen Anhaltspunkten für eine Kindeswohlgefährdung in Schulen und Kitas in den letzten Jahren zu einer Intensivierung der Kontakte mit den Sozialen Diensten der Jugendämter geführt hat und somit auch zum Erkennen von mehr akuten Kindeswohlgefährdungen. Die Statistik zeigt auch eine Zunahme von akuten Kindeswohlgefährdungen bei Kindern und Jugendlichen aus stationären Einrichtungen.

Wichtig zu wissen Der zwischen 2017 und 2018 beobachtete Zuwachs an Kindeswohlgefährdungen kann womöglich auch auf die insgesamt höhere Zahl an durchgeführten Gefährdungseinschätzungen zurückgeführt werden.

Was versteht man unter einer Gefährdungseinschätzung nach §8a Abs. 1 SGB VIII

Eine Gefährdungseinschätzung ist dann zur Statistik zu melden, wenn dem Jugendamt gewichtige Anhaltspunkte für die Gefährdung des Wohls eines Kindes oder Jugendlichen bekannt werden, es sich daraufhin einen unmittelbaren Eindruck von dem/der Minderjährigen und seiner/ihrer persönlichen Umgebung verschafft und die Einschätzung des Gefährdungsrisikos anschließend im Zusammenwirken mehrerer Fachkräfte erfolgt. [1] Eine „akute“ Kindeswohlgefährdung wird als eindeutige Gefährdung eingestuft, bei einer „latenten“ Kindeswohlgefährdung konnte die Frage, ob gegenwärtig eine Gefahr besteht nicht eindeutig beantwortet, eine Gefährdung des Kindes somit nicht sicher ausgeschlossen werden.

Eine Gefährdungseinschätzung nach § 8a Absatz 1 SGB VIII ist vom Jugendamt immer dann abzugeben, wenn dem Jugendamt wichtige Anhaltspunkte für die Gefährdung des Wohls eines Kindes oder Jugendlichen bekannt werden.

Das Statistische Bundesamt hebt hervor, dass 60% der Kindeswohlgefährdungen auf Vernachlässigung zurückzuführen sind.

Auch wenn Kindeswohlgefährdungen durch sexuelle Gewalt relativ selten festgestellt wurden, war die Entwicklung auffällig: Die Zahl der gemeldeten Fälle stieg von 2017 auf 2018 um 20%, zwei Drittel der betroffenen Kinder waren Mädchen.

Erläuterung der Zahlen

In Berlin haben die Jugendämter beispielsweise 2018 mehr Fälle von Kindeswohlgefährdung gemeldet: 7.088 Kinder und Jugendliche waren betroffen, das sind laut dem Statistischen Bundesamt fast 20 Prozent mehr als im Vorjahr. 3.150 Fälle wurden als akut eingestuft.

In Nordrhein-Westfalen haben die Jugendämter 2018 in 43.578 Fällen eine Einschätzung bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung vorgenommen, das sind 10 Prozent mehr als im Vorjahr. In 12,9 Prozent der Fälle wurde eine akute Gefährdung des Kindeswohls festgestellt, in 6.031 Fällen bestand eine latente Gefährdung.[2]

In Bayern haben die Jugendämter 2018 insgesamt 18.784 Gefährdungseinschätzung geprüft. Laut dem Bayrischen Landesamt für Statistik lag in 3.121 Fällen eine akute Kindeswohlgefährdung vor, in 2.974 eine latente Kindeswohlgefährdung.

Anzeichen für eine Vernachlässigung oder einer psychischen Misshandlung waren in allen drei Ländern die häufigste Ursache einer Kindeswohlgefährdung.

Interpretationshinweis Für die Interpretation der Zahlen muss berücksichtigt werden, dass bei ein und demselben Kind mehrere Gefährdungsarten gleichzeitig gemeldet werden können und werden.

 

Überproportionaler Anstieg akuter Kindeswohlgefährdung bei Kindern und Jugendlichen in Jugendhilfekontexten

Im Rahmen der Gefährdungseinschätzung durch die Jugendämter wird zu jedem Fall eine Angabe zum gewöhnlichen Aufenthaltsort des Kindes oder des Jugendlichen sowie Informationen über eine zum Zeitpunkt des „8a-Verfahrens“ in Anspruch genommene Leistung der Kinder- und Jugendhilfe gemacht.

Das bedeutet konkret ein Anstieg von 883 Fälle im Jahr 2017 auf 1.101 Fälle im Jahr 2018. Analog zu der Fallzahlzunahme der Kindeswohlgefährdung bei Kindern und Jugendlichen aus stationären Einrichtungen steigen zwischen 2017 und 2018 die Fälle akuter Kindeswohlgefährdung, bei denen zum Zeitpunkt des „8a-Verfahrens“ eine familienersetzende Hilfe zur Erziehung in Anspruch genommen wird, um 223 Fälle. Überproportional zugenommen haben auch Fallkonstellationen, bei denen Kinder oder Jugendliche noch bei den Eltern beziehungsweise einem Elternteil gelebt, aber bereits eine ambulante Leistung der Kinder- und Jugendhilfe im Rahmen einer erzieherischen Hilfe bzw. im Vorfeld einer Hilfe zur Erziehung in Anspruch genommen worden ist.

Wichtig zu wissen KomDat hält fest, dass eine abschließende Bewertung dieser Ergebnisse nicht möglich ist!

Interpretationsmöglichkeit Unabhängig von den festgestellten Kindeswohlgefährdungen ist auch die Zahl der „8a-Verfahren“ bei Fallkonstellationen, in denen bereits eine Hilfe zur Erziehung in Anspruch genommen worden ist, insgesamt gestiegen.  Fallzahlsteigerungen könnten mit möglichen Vereinbarungen in den Schutzkonzepten bereits bestehender Hilfen zusammenhängen beziehungsweise auf Veränderungen bei der Ausgestaltung und Umsetzung von Vereinbarungen zwischen öffentlichen und freien Trägern zur Gewährleistung des Schutzauftrages.

Inobhutnahme aus Familien auf neuem Höchststand (S. 14 bis 19)

Die Inobhutnahmen ohne Berücksichtigung unbegleiteter ausländischer Minderjähriger (UMA) hat 2018 einen neuen Höchststand erreicht. Inobhutnahmen, die aufgrund von Hinweisen anderer Personen oder Stellen erfolgten sind, haben 2018 laut KomDat mit 32.255 Fällen ebenfalls einen neuen Höchststand erreicht.

Wichtig zu wissen Inobhutnahmen sind hoheitliche Maßnahmen der Jugendämter, mit denen sie Kinder und Jugendliche zu ihrem Schutz in akuten Not- und Krisensituationen vorläufig an einem sicheren Ort unterbringen können. Da die Ursachen sehr unterschiedlich sein können, besitzt die Gesamtzahl der Inobhutnahmen nur eine geringe Aussagekraft.  Wann das Jugendamt zu einer Inobhutnahme berechtigt und verpflichtet ist entlehnt §§ 42, 42a gemäß SGB VIII. Inobhutnahmen sollen der kurzfristigen und vorläufigen Hilfe in Krisensituationen dienen. Aufgrund ihres häufig stark intervenierenden Charakters gelten für Inobhutnahmen hohe rechtliche und fachliche Hürden.

Der neue Höchststand Die unmittelbaren Anlässe der Maßnahmen ermöglichen Interpretationshinweise. Die vorhandenen Daten lassen laut KomDat darauf schließen, dass die häufigsten Gründe von Inobhutnahme Misshandlungen, Vernachlässigungen sowie die „Überforderung der Eltern“ sind.  Es gibt Hinweise darauf, dass der Höchststand der Inobhutnahmen zumindest teilweise auf eine erhöhte Aktivität der Sozialen Dienste und Jugendämter zurückgeht.

Interpretationsmöglichkeit Nicht nur die Fallzahlen, sondern auch die unterschiedliche Dauer der Maßnahmen zeigen, dass es vom Ort abhängt, wie Jugendämter und andere für den Kinderschutz (mit-)verantwortliche Institutionen auf Not- und Krisensituationen von Kindern und Jugendlichen reagieren.  

 

Quelle: Kommentierte Daten der Kinder- und Jugendhilfe November 2019 Heft Nr. 2/19 22. Jg.


[1] Weitere Informationen finden Sie In: Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe: Gefährdungseinschätzungen nach § 8a Absatz 1 SGB VIII:   

https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Soziales/Kinderhilfe-Jugendhilfe/Publikationen/Downloads-Kinder-und-Jugendhilfe/gefaehrdungseinschaetzungen-5225123177004.pdf?__blob=publicationFile

[2] Weitere Informationen u.a. zum Verfahren zur Einschätzung des Kindeswohls in Nordrhein-Westfalen nach dem Ergebnis des Verfahrens und der bekanntmachenden Institution und Person 2018 finden Sie unter:  https://www.it.nrw/43-578r-gefaehrdungseinschaetzungen-fuer-kinder-und-jugendliche-im-jahr-2018-nrw-96796

 



 

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