Rückblick: Digital-Kongress zum Thema Sexuelle Gewalt
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Rückblick: Digital-Kongress zum Thema Sexuelle Gewalt

Die 3. Jahreskonferenz zum Thema Sexuelle Gewalt fand dieses Jahr nicht wie geplant in Hannover statt, sondern wurde aufgrund der pandemischen Lage digital ausgerichtet. An zwei Tagen haben sich 19 Referent*innen und über 180 Teilnehmer*innen via Zoom mit dem Themenschwerpunkt „Sexualisierte Grenzverletzungen unter Kindern und Jugendlichen“ intensiv auseinandergesetzt. Das komplexe Handlungsfeld wurde in fünf Vorträgen, zwei Foren und insgesamt neun Workshops beleuchtet, wobei Handlungsmöglichkeiten für die Präventionsarbeit, Intervention, Therapie und Beratung diskutiert und vermittelt wurden. 

 

Der erste digitale Kongresstag: 25. März 2021

Was ist eigentlich normal?

Den Eröffnungsvortrag hielt Dr. Peter Caspari (ehem. Mosser I Beratungsstelle kibs München) unter der Überschrift „Kinder, Jugendliche und sexuelle Grenzverletzungen – Was wir (vielleicht) wissen und wie wir damit umgehen (könnten)“. Herr Caspari konzentrierte sich dabei u.a. auf die Frage inwieweit sich Wahrnehmungen über „Auffälligkeiten“, „Krankheiten“, „Normalität“ in Abhängigkeit von gesellschaftlichen Entwicklungen verändern und welche Kriterien für die Einschätzung sexueller Grenzverletzungen von Kindern zu beachten sind. Es ist beispielsweise wichtig zu wissen, ob es Unterschiede im Entwicklungsalter gibt, ein Kind vielleicht sogar entwicklungsverzögert ist, welche Rolle die beteiligten Kinder innerhalb der Gruppe einnehmen und ob und wenn ja, welche Altersdifferenz zwischen den beteiligten Kindern besteht. Dr. Caspari hielt fest, dass es außerdem einen starken Zusammenhang zwischen sexuell auffälligem Verhalten und anderen Belastungszeichen gibt, bspw. durch eigene Zurückweisung oder mangelnde Beaufsichtigung.

 

Digitale Medien werden täter*innenstrategisch instrumentalisiert

Im zweiten Vortrag beschäftigte sich Prof. Dr. Frederic Vobbe (SRH Hochschule Heidelberg) mit dem Thema der sexualisierten Gewalt mittels digitalem Medieneinsatz durch Jugendliche. Nebst der Auseinandersetzung mit der postdigitalen Lebenswelt junger Menschen, sprach der Referent über das Risiko sexualisierter Peergewalt mit digitalem Medieneinsatz. Hierzu hielt er fest, dass „die kontinuierliche Weiterentwicklung des Alltags durch digitale Medien im Kontext sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche täter*innenstrategisch instrumentalisiert wird.“ Das bedeutet, Informations- und Kommunikationstechnologien werden ebenso wie technische Geräte und Datenträger zur „Anbahnung, Verübung und Aufrechterhaltung sexualisierter Gewalt eingesetzt.“ Prof. Dr. Vobbe hob unter den Ansätzen zur Prävention und Intervention insbesondere das Empowerpent hervor. Wichtig sei, zu schauen welche Angebote tatsächlich zu den Bedürfnissen der Adressat*innen und Betroffenen passen.

 

Die Erwachsenenbrille absetzen, die Kinderbrille aufsetzen

In Forum I setzten sich die Referent*innen Elisabeth Raffauf (Diplom-Psychologin) und Helge Jannink (Diplom-Psychologe) mit dem Zusammenhang sexualpädagogischer Bildungsarbeit und Prävention auseinander. Im Anschluss an die Inputs der Referent*innen traten sie mit den Teilnehmer*innen in den Austausch. Unter anderem ging es darum, warum es oft nicht zu aktiven Angeboten zur Sexualerziehung in der Praxis kommt und wie auch kleine Angebote, mit wenig zeitlichen Ressourcen, in Angriff genommen werden können. Elisabeth Raffauf hob hervor, dass es bei diesem sensiblen Thema besonders wichtig sei die Erwachsenenbrille abzusetzen und die Kinderbrille aufzusetzen, denn „kindliche Sexualität ist nicht gleich erwachsene Sexualität“. Helge Jannink konzentrierte sich in seinem Input auf die Doppelseitigkeit der Scham in der sexualpädagogischen Arbeit im Kontext Migration und Flucht. Neben den Themen, die unbegleitete minderjährige Geflüchtete zum Thema Sexualität bewegt, berichtet er über die Schwierigkeiten, mit denen Pubertierende unter Fluchtbedingungen konfrontiert sind. Nach Jannink kommt zur pubertätsbedingten Verunsicherung der eigenen (sexuellen) Identität auch die Verunsicherung der kulturellen Identität in der neuen Umgebung hinzu. Das sei für die betroffenen Jugendlichen eine enorme Herausforderung.

 

Gewalt unter Geschwistern: Ein extrem tabuisiertes Thema

Den dritten und letzten Vortrag des ersten Tages hielt Professorin Esther Klees (IUBH)  zum Thema sexualisierte Gewalt durch eigene Geschwister. Ein tragendes Problem sei insbesondere die Tabuisierung der Gewalt im familiaren Konext. Betroffene Kinder litten unter Loyalitätskonflikten und hätten nicht selten das Gefühl, das Glück der ganzen Familie hinge von ihrem Schweigen ab. Frau Klees sprach von einer „erlernten Geheimhaltung”, den ambivalenten Gefühlen der betroffenen Kinder, aber auch der Angst möglicher negativer Reaktionen des Umfelds nach einer Aufdeckung. Fachkräfte hätten leider wenig Kenntnisse zum Thema, hält die Referentin fest. Dies führe dazu, dass die Auswirkungen sexualisierter Gewalt unter Geschwistern häufig bagatellisiert und als Doktorspiele abgetan würde.  Hier braucht es, laut Klees, mehr Aufklärung und Sensibilisierung fürs Thema, aber natürlich auch mehr Forschung, denn es fehlt an validen Daten obwohl „etwa die Hälfte der Kinder und Jugendlichen, in den spezialisierten Einrichtungen für sexualisiert übergriffe Kinder und Jugendliche, (auch) Geschwister sexuell missbraucht haben.“


Der zweite digitale Kongresstag: 26. März 2021

Wie kann fachliches Handeln im Umgang mit sexualisierter Gewalt gestärkt werden?

Den zweiten Kongresstag eröffnete Prof. Dr. Martin Wazlawik (Hochschule Hannover) mit seinem Vortrag „Pädagogische Professionalität im Umgang mit sexualisierter Gewalt in der Kinder- und Jugendhilfe“. Der Fokus des Vortrags lag auf den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen zur Qualifizierung im Handlungsfeld sexualisierter Gewalt als eine wesentliche Notwendigkeit zum Aufbau einer professionellen Haltung mit entsprechenden Handlungskompetenzen im Kinderschutz. Der Referent betonte ausdrücklich die Notwendigkeit der Entwicklung von geeigneten Strukturen zum Transfer von Forschungsergebnissen in die Aus- und Fortbildungspraxis.

 

Kooperationenzwischen Medizin und Jugendhilfe: Was haben sie zu bieten? Wo sind Schnittstellen und Grenzen?

In Forum II beschäftigten sich Dr. Susanne Pöchmüller (AMEOS Klinikum Hildesheim) und Jessika Kuehn-Velten (ehem. KinderschutzAmbulanz Düsseldorf/Die Kinderschutz-Zentren) mit den Zielen, Möglichkeiten und Hindernissen der wichtigen Zusammenarbeit zwischen Medizin und Jugendhilfe im Kinderschutz und diskutieren gegenseitige Perspektiven anhand von Fallbeispielen. Deutlich wurde in diesem Rahmen herausgearbeitet, dass gelingender Kinderschutz einen multiprofessionellen Arbeitsansatz braucht, der auf fachlichem Vertrauen und verlässlicher Kooperation beruht. Nur so kann eine lückenlose Unterstützung der Kinder und Jugendlichen sowie ihren Familien erfolgen. Gute Kooperationsstrukturen bieten zudem eine Chance, dass die große Verantwortung in Kinderschutzfällen nicht nur bei einer Einzelperson liegt, sondern von verschiedenen Fachkräften mit unterschiedlicher Expertise gemeinsam getragen wird.

Während der Foren fanden an beiden Kongresstagen insgesamt neun Workshops statt, die das Thema aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchteten.

 

Haltung als Voraussetzung für Fachlichkeit!

Den letzten Vortrag des Fachkongresses hielt Lucyna Wronska (Kind im Zentrum, Berlin) unter der Überschrift „Familienarbeit im Kontext sexuell devianter Kinder und Jugendlicher". Eindrücklich stellte sie dabei nochmals die enorme Bedeutung der Entwicklung einer eigenen reflexiven Haltung dar, um Familien in Familien in der Praxis dieses herausfordernden Handlungsfeldes gut begleiten zu können.



 

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