Rückblick zum Fachkongress: Wenn der Alltag zu viel wird - Hilfen für erschöpfte Familien
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Rückblick zum Fachkongress: Wenn der Alltag zu viel wird - Hilfen für erschöpfte Familien

Was erschöpft und belastet Kinder und Familien aktuell besonders? Wie können Fachkräfte und Hilfesysteme Beteiligung fördern und Resilienz stärken? Was ist, wenn es Zuhause einfach nicht mehr geht?

Mit u. a. diesen Fragen beschäftigten sich die Teilnehmer*innen des hybriden Fachkongresses "Wenn der Alltag zu viel wird - Hilfen für erschöpfte Familien" in Leipzig. Unser Kongressrückblick gibt Einblicke in die verschiedenen Perspektiven, Problemstellungen und Lösungsansätze aus den Vorträgen und Foren.

Übrigens: Erstmals wurde der Fachkongresses im Rahmen einer Instagram-Story live in Social Media dokumentiert. Die gesamte Story können Sie sich in den Highlights des Instagram-Kanals der Kinderschutz-Zentren ansehen.

 

Erschöpfte Familien – Was Familien alles leisten und wo sie an ihre Grenzen geraten

Prof. Dr. Karin Böllert von der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster eröffnete den Fachkongress in Leipzig mit einem einführenden Vortrag zu dem, was Familien in der heutigen Zeit alles leisten und wo sie an ihre Grenzen geraten. Elternschaft in der heutigen Zeit sei anspruchsvoller geworden, gleichzeitig verstärke die Intensivierung von Elternschaft soziale Ungleichheiten durch ungleiche Bildungschancen. Frau Prof. Böllert betont die Herausforderungen für die Familien in der Pandemie, die besonders die sozial schwächeren Familien und Familien mit Migrationshintergrund trafen und treffen. Sie fordert verlässlichere Konzepte, um insbesondere diese Familien auffangen und unterstützen zu können. Am Ende ihres Vortrages listet sie auf, was Familien brauchen. Dazu gehöre u. a. der Ausbau einer familienbezogenen Infrastruktur, eine materielle Absicherung durch eine Kindergrundsicherung, die Befähigung von Eltern durch die Umsetzung von Erziehungs- und Bildungspartnerschaften, diversitätssensible Haltungen und Kompetenzen der Fachkräfte, multiprofessionelle Zusammenarbeit und die Anerkennung dessen, was Familien leisten.

 

Kinder und Jugendliche in der Corona-Pandemie – Aktuelle Erkenntnisse zur psychischen Verfassung und psychotherapeutischen Versorgung

Dr. rer. nat. Maria Plötner vom Lehrstuhl für Klinische Kinder- und Jugendpsychologie der Universität Leipzig stellte in ihrem Vortrag eine gemeinsame Forschung mit der Universität Koblenz-Landau vor. Die Forschenden setzten sich zum Ziel, die psychische Situation von Kindern und Jugendlichen und deren psychotherapeutische Versorgung seit Beginn der COVID-19-Pandemie aus Sicht von Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut*innen (KJP) zu erfassen. Neben einem Abbild der gestiegenen Fallzahlen während der Pandemie und der Differenzierung verschiedener Diagnosen, machte Frau Dr. Plötner auch auf das Spannungsfeld der therapeutischen Arbeit aufmerksam. Therapeut*innen mit einer Kassenzulassung und einer nicht mehr zu bewältigenden Anzahl von Behandlungsanfragen, stehen einem Kassenmodell gegenüber, welches für viele gut ausgebildete Therapeut*innen keine Kassenzulassung vorsieht. Dies wirkt sich letztlich auch auf eine enorm hohe Belastung der behandelnden Therapeut*innen aus.

 

Die Belastungssituation von Familien mit Kindern mit Behinderung – Eine neue Herausforderung für die Kinder- und Jugendhilfe

Die inklusive Ausgestaltung der Kinder- und Jugendhilfe ist eine der zentralen Aufgaben in den nächsten Jahren. Rechtlich fundiert durch das KJSG wird der bereits bestehende Auftrag der Kinder- und Jugendhilfe im Hinblick auf die Bedarfe von Kindern, Jugendlichen und Familien mit Behinderungen und Beeinträchtigungen nun weiter präzierst. Um den aktuellen Stand der Debatte ging es im ersten Forum des Fachkongresses. Kai Pakleppa für den Bundesverband der Lebenshilfe und Stefan Mölleney, Leiter des Amtes für Jugend, Familie und Senioren der Stadt Fulda, brachten ihre Sichtweisen zum Stand der Umsetzung ein. Dabei wurde deutlich, wie es neben den einzelnen gesetzlichen Regelungen nun auch um die Integration ganz grundlegender Haltungen gehen muss:

 

Familien im Kontext Migration: Herausforderungen und Potentiale lebensweltorientierter Sozialer Arbeit

Prof. Dr. Antje Krueger der Hochschule Bremen (HSB) zeigte in ihrem Vortrag die besonderen Belastungen von Familien im Kontext von Migration auf. Belastend sei vor allem das Erleben von Diskriminierung, Ausgrenzung und Rassismus, was negative Auswirkungen auf die psychische Gesundheit und sogar eine verzögerte Suche nach Beratung zur Folge haben kann. Nach der Migrations- oder Fluchterfahrung tauchen Familien darüber hinaus in eine Übergangsphase ein, die sich zu einem Dauerzustand bis hin zu einer Lebensform entwickelt. Auswirkungen sind u. a. das Erfahren von Nicht-Anerkennung, Zukunftslosigkeit, soziale Kontakte in „Zwangskollektiven“ und Armut. Mit Blick auf die Lebenswelten von Migrant*innen sei zu beachten, dass diese sich nicht erst im Ankunftsland konstituieren, sondern potentielle Belastungen ihren Ursprung häufig schon im Herkunftsland oder während der Migrations- bzw. Fluchterfahrung haben. Prof. Dr. Antje Krueger betont die besondere Heterogenität von Migration und die Bedeutung, Migrant*innen als Expert*innen ihrer Lebenswelten zu betrachten. Wichtig sei auch eine (selbst-)reflexive Haltung und die Thematisierung von (Post-)Rassismus in gesellschaftlichen und fachspezifischen Institutionen und Räumen.

 

Wenn es zu Hause nicht mehr geht – Interventionen bei vermuteter Gefährdung des Kindeswohls

Carmen Osten ist in ihrem Vortrag zum Thema Interventionen bei vermuteter Gefährdung des Kindeswohls auf verschiedene Formen der Kindeswohlgefährdung eingegangen. Eltern wollen in den meisten Fällen auch gute Eltern sein, sind aber – ausgelöst durch verschiedenste Ursachen – aufgrund einer Überforderung nicht immer in der Lage dazu. Fachkräfte wiederum „wollen oft nicht glauben, dass das zu Hause nicht für alle Kinder ein sicherer Ort ist.“ Diese Tatsache anzunehmen und Eltern dennoch mit viel Respekt gegenüber zu treten, sei eine wichtige Grundhaltung für die therapeutischen Angebote, die Carmen Osten im Kinderschutz-Zentrum München durchführt und von denen sie in ihrem Vortrag einige vorgestellt hat.

 

Partizipation von Familien – Wie können Eltern, Kinder und Jugendliche an Hilfeprozessen beteiligt werden?

Im zweiten Forum wurde das Thema der Partizipation von Familien in Hilfeprozessen von Karoline Friese, Carmen Osten und Gerald Gruss beleuchtet. Die ungewöhnliche Einstiegsfrage an die Teilnehmer*innen, was sie in ihrer Praxis täten, um Partizipation zu verhindern, löste erste Denkanstöße aus:  Können Fachkräfte Partizipation tatsächlich immer mitdenken? Karoline Friese von der Universität Koblenz-Landau betont, dass nach ihren Forschungsergebnissen Kinder – zum Beispiel in Hilfeplangesprächen – überwiegend keine Beteiligung, sondern Machtlosigkeit erleben. In der weiteren Ausführung wird deutlich, dass der Wille zur Partizipation bei vielen Fachkräften da ist. Damit Partizipation gelingen kann, brauche es aber sowohl ein Bewusstsein darüber, was Partizipation genau ist als auch die dafür benötigten formelle Rahmenbedingungen (z. B. zeitliche Ressourcen und Flexibilität).

 

Familien ermutigen – Resilienzen stärken

Im letzten Vortrag des Fachkongresses sprach Dr. Alexander Lohmeier von der Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche in Traunstein über Möglichkeiten der Ermutigung und Resilienzförderung von Familien. Zahlreiche Risiko- und Schutzfaktoren wirken sich darauf aus, wie belastbar Kinder und Familien im Alltag sind. Die Fokussierung auf Kompetenz statt auf Defizite, das Zusammenspiel aus Herausforderung und Ermutigung sowie ein stärkendes gesellschaftliches und politisches Klima seien grundlegend für die Stärkung der Resilienz für Familien. Besonders starke Bedeutung komme aber der Rolle einer Bezugsperson zu.

„Resilienz beruht […] grundlegend auf Beziehungen“

Der wichtigste und wirksamste Schutzfaktor für Kinder und Familien sei die wertschätzende, stabile, emotional warme Beziehung zu einer (erwachsenen) Person.



 

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