7. Sommerhochschule Kinderschutz vom 15.-17. September 2026

Beziehungsstatus: Krise – drei Tage Kinderschutz, Beziehung und Begegnung // Auseinandersetzung um das Kindeswohl – Haltungen, Methoden und Organisation

180 Studierende, 11 Hochschulen, 13 Praxisworkshops, zahlreiche Begegnungen und eine zentrale Frage: Wie gelingt es, auch in Krisen mit Kindern und Familien in Beziehung zu bleiben? Die aktive Beteiligung von Eltern und Kindern ist dabei nicht nur fachlicher Anspruch, sondern rechtliche Prozessnorm und anerkannter fachlicher Standard im deutschen Kinderschutz – Forschung zeigt zudem, wie entscheidend Partizipation für gelingende Hilfeprozesse und den Schutz von Kindern ist.
Vom 15. bis 17. September 2026 fand an der FH Münster die 7. Sommerhochschule Kinderschutz statt, die von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Kinderschutz-Zentren in Zusammenarbeit mit Lehrenden sowie einer studentischen Projektgruppe der FH Münster geplant und organisiert wurde. Unter dem Titel „Beziehungsstatus: Krise“ ging es um Haltung, Wissen und methodisches Können – und um die Frage, was Fachkräfte brauchen, um auch in schwierigen Situationen handlungsfähig und beziehungsorientiert zu bleiben.

Kinderschutz bedeutet nicht nur, Gefährdungen einzuschätzen und Entscheidungen zu treffen. Er bedeutet auch, mit Kindern und Eltern in Kontakt zu kommen, nachvollziehbar zu handeln und Beziehungen gerade dann nicht abbrechen zu lassen, wenn Konflikte, Widerstand oder unterschiedliche Interessen das Miteinander erschweren.

Genau hier liegt eine der großen Herausforderungen professioneller Kinderschutzarbeit: Fachkräfte müssen Risiken und elterliche Kompetenzen kritisch einschätzen – und zugleich daran festhalten, dass Veränderung möglich ist. Das bedeutet auch, fachlich versiert mit Abwehr, Widerstand, Interessenkonflikten und psychodynamischen Kräften wie etwa Übertragungen umzugehen. Dafür braucht es fachliches Wissen, methodisches Können, eine reflektierte Haltung und nicht zuletzt tragfähige Kooperationen im Hilfenetzwerk.

Die Sommerhochschule nahm diese Spannung zum Ausgangspunkt und fragte: Wie kann Beziehung auch in der Krise gelingen? Was brauchen Fachkräfte und Organisationen dafür? Und wie können Studium und Ausbildung angehende Fachkräfte auf diese anspruchsvolle Aufgabe vorbereiten?

Bild oben links: In Gebäude 6 auf dem Leonardo-Campus der FH Münster wurde während der Sommerhochschule im Plenum getagt. Bild unten rechts: Von links nach rechts – Prof.in Dr.in Sabine Ader und Wolfgang Tenhaken, die verantwortlichen Lehrenden der FH Münster bei der diesjährigen Sommerhochschule – Tilman Fuchs, Oberbürgermeister der Stadt Münster – Prof. Dr. Stephan Barth, Vizepräsident der FH Münster – Dr. Stefan Heinitz, Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft der Kinderschutz-Zentren – Franziska Probst, Vorständin der Bundesarbeitsgemeinschaft der Kinderschutz-Zentren

180 Studierende, 11 Hochschulen – und drei intensive Tage

Nach langer Vorbereitung in enger Kooperation zwischen der BAG der Kinderschutz-Zentren, der FH Münster und den beteiligten Studierenden war es Mitte September so weit: 180 Studierende von 11 Hochschulen kamen zur 7. Sommerhochschule Kinderschutz nach Münster. Damit zählt die Veranstaltung erneut zu den größten bundesweiten Tagungen für Studierende im Bereich Kinderschutz.

Bei der Eröffnung betonten Franziska Probst, Bundesvorstandsmitglied der Kinderschutz-Zentren, der Rektor der FH Münster, Prof. Dr. Stephan Barth, und der Oberbürgermeister der Stadt Münster, Tilmann Fuchs, das gemeinsame Ziel: Studierende frühzeitig auf das anspruchsvolle Arbeitsfeld Kinderschutz vorzubereiten.

Dass der Eröffnungstag zugleich der Tag der Demokratie war, gab einen zusätzlichen Impuls. Denn auch Kinderschutz braucht demokratische Institutionen, Beteiligung und eine Kultur des Dialogs.

Tag 1: Perspektiven wechseln und Praxis kennenlernen

Den fachlichen Auftakt gestalteten Prof.in Dr.in Sabine Ader, Wolfgang Tenhaken und Prof.in Dr.in Michaela Berghaus von der FH Münster. In ihrem trialogischen Eröffnungsvortrag nahmen sie drei Perspektiven in den Blick: die von Eltern und Kindern, die der Fachkräfte und die der Organisationen. Wie Kontakt entsteht und Beziehungen gestaltet werden können, hängt schließlich immer auch davon ab, welche Perspektive wir einnehmen. Kinderschutzsituationen stehen außerdem immer in der Balance von Vertrauen, Zutrauen und Misstrauen und bergen bei allen Beteiligten auch immer die Gefahr, eine Kultur des Misstrauens zu stärken – dafür brauche es eine nötige Sensibilisierung und das Erkennen als Gegengewicht.

Anschließend wurde es praktisch: In 13 Workshops konnten die Studierenden unterschiedliche Arbeitsfelder und Methoden kennenlernen. Themen waren unter anderem die Belastungen von Kindern im Kontext von Trennung und Scheidung, Methoden in der Sozialpädagogischen Familienhilfe, traumapädagogische Beziehungsarbeit und Qualitätsentwicklungsverfahren in Jugendämtern (die alle Jugendämter in NRW verpflichtend durchlaufen). Gemeinsam mit zwei Familienrichtern vertieften die Studierenden außerdem ihre Kenntnisse zur Beteiligung des Jugendamtes im familiengerichtlichen Verfahren.

Für alle Praxiselemente der Sommerhochschule wurde eng mit Münsteraner Partner-Einrichtungen und Organisationen vor Ort kooperiert, die sehr engagiert und bereitwillig mitgewirkt haben. Ein großartiges gemeinsames Engagement für zukünftige Fachkräfte.

Bei bestem Wetter klang der erste Tag mit einem Get-together auf dem Leonardo-Campus aus – mit Zeit für Gespräche, Vernetzung und erste neue Kontakte.

Bild oben links: Die studentische Projektgruppe, die die Sommerhochschule 2026 an der FH Münster mit vorbereitet hat – Bild oben rechts: Am ersten Abend ließen die Teilnehmenden bei einem gemütlichen Get Together draußen auf dem Leonardo Campus bei milden Temperaturen ausklingen. Bild unten: Passend zum internationalen Tag der Demokratie am 15. September wurden von den Teilnehmenden Stimmen gesammelt zum Thema „Kinderschutz & Demokratie“.

Tag 2: Von der Theorie auf die Straße

Der zweite Tag begann mit einem Warm-up im Plenum und anschließend mit Workshops der beteiligten Hochschullehrenden. Im Mittelpunkt standen zentrale Fragen des Kinderschutzes aus wissenschaftlicher und konzeptioneller Perspektive: Wie funktionieren sozialpädagogische Diagnostik und Gefährdungseinschätzung? Welche Rolle spielt Digitalisierung im Kinderschutz? Wie lässt sich mit unfreiwilligen Familien arbeiten? Und welche Handlungsmöglichkeiten gibt es bei sexueller Gewalt?

Die Workshops wurden aufgrund der großen Nachfrage zweimal angeboten. So konnten möglichst viele Studierende die Gelegenheit nutzen, theoretische Grundlagen zu vertiefen und gemeinsam zu diskutieren.

Nach der Mittagspause wechselte der Lernort: Die Studierenden gingen hinaus in die Praxis. In 13 Gruppen besuchten sie – begleitet von studentischen Guides – verschiedene Einrichtungen in Münster. Die Ärztliche Kinderschutzambulanz, Beratungsstellen, das Jugendamt, freie Träger der Kinder- und Jugendhilfe und weitere Einrichtungen öffneten ihre Türen. Der direkte Einblick machte sichtbar, wie unterschiedlich Kinderschutz organisiert und umgesetzt wird – und unter welchen Bedingungen Fachkräfte täglich arbeiten.

Und weil drei Tage Kinderschutz auch Raum für Gemeinschaft brauchen, wurde am Abend gefeiert: Die Studierenden organisierten eine Party im Kulturzentrum Gleis 22. Für den passenden Sound sorgte die Liveband Tante Emma.

Tag 3: Familie im Mittelpunkt

Am letzten Tag rückte Sabine Wagenblass, Professorin an der Hochschule Bremen, die Familie in den Mittelpunkt. Familien verändern sich, bleiben aber der zentrale Ort des Aufwachsens und frühen Beziehungserlebens. Für angehende Kinderschutzfachkräfte bedeutet das auch: Kinderschutz richtet sich nicht allein auf das einzelne Kind. Jede Intervention wirkt in ein komplexes familiäres System hinein. Genau diese Wechselwirkungen gilt es wahrzunehmen und fachlich zu reflektieren.

Der rote Faden: Beziehungsgruppen

Ein besonderer roter Faden der Sommerhochschule waren die sogenannten „Beziehungsgruppen“. In hochschulübergreifenden Gruppen setzten sich die Studierenden mit eigenen Fragen und Erfahrungen rund um den Kinderschutz auseinander, reflektierten unterschiedliche Perspektiven und lernten voneinander. Das Konzept wurde im Rahmen der Vorbereitung an der FH Münster entwickelt und bei der Sommerhochschule erstmals erprobt. Die dabei entstandenen Ergebnisse und Erfahrungen flossen in das abschließende Podiumsgespräch ein.

Bild oben links: Teilnehmende der 7. Sommerhochschule vor dem Hörsaal – Bild unten rechts: Dr. Stefan Heinitz, Geschäftsführer der BAG Kinderschutz-Zentren, moderiert die abschließende Podiumsdiskussion zum Thema „Wer schützt eigentlich wen – und vor wem? Über Macht, Verantwortung und Beziehungen im Kinderschutz“

Wer trägt Verantwortung im Kinderschutz?

Zum Abschluss ging es noch einmal um eine zentrale Frage: Wer trägt Verantwortung im Kinderschutz – und wie kann diese Verantwortung in ungleichen Machtverhältnissen gemeinsam gestaltet werden?

Auf dem Podium diskutierten Anna Stephan, Jugendamtsleiterin der Stadt Hamm, Michael Kaiser, Einrichtungsleiter der Kinder- und Jugendhilfe St. Mauritz, Robin Winter vom KSD Münster und Prof. Dr. Christian Spatschek. Lucia Bernstorff von der Hochschule Bremen und Dana Terhechte von der FH Münster brachten die Perspektive der Studierenden ein.

Im Zentrum standen Fragen, die auch den Arbeitsalltag prägen: Wie gelingt es, Beziehungen zu Kindern und Familien aufzubauen? Was können Jugendämter und freie Träger dafür tun? Wie gehen Organisationen mit Fehlern um? Wer trägt Verantwortung und wer kontrolliert? Und wie gelingt Partizipation tatsächlich?

Die Diskussion machte deutlich: Guter Kinderschutz ist Teamarbeit. Er braucht Fachkräfte, die auch in schwierigen Situationen beziehungsfähig bleiben. Er braucht Organisationen, die dafür die notwendigen Rahmenbedingungen schaffen. Und er braucht Hochschulen, die Studierende auf die Komplexität und Ungewissheit ihres späteren Arbeitsfeldes vorbereiten.

Drei Tage, viele Perspektiven – und neue Verbindungen

Die 7. Sommerhochschule Kinderschutz hat Theorie und Praxis, Hochschule und Jugendhilfe, Studierende und erfahrene Fachkräfte zusammengebracht. Sie hat Räume für Diskussion, Reflexion und Begegnung geschaffen – und damit genau das praktisch erlebbar gemacht, worum es inhaltlich ging: Beziehung gestalten, auch wenn es schwierig wird.

Mit vielen fachlichen Impulsen, neuen Kontakten und vielleicht der einen oder anderen offenen Frage machten sich die Studierenden schließlich auf den Heimweg. Denn gute Kinderschutzarbeit beginnt nicht erst mit der richtigen Methode. Sie beginnt mit der Bereitschaft, in Beziehung zu treten – und auch in der Krise miteinander im Gespräch zu bleiben.

Hintergrund: Sommerhochschule Kinderschutz seit 2013

Die Sommerhochschule Kinderschutz wurde 2013 an der FH Münster entwickelt und hat sich seither zu einem bundesweit einmaligen Format für Studierende der Sozialen Arbeit und anderer Fachrichtungen aus Deutschland und der Schweiz entwickelt.

Nach der ersten Sommerhochschule in Münster wurde das Format an verschiedenen Hochschulen fortgeführt, unter anderem an der ASH Berlin, der Evangelischen Hochschule des Rauhen Hauses in Hamburg, den Hochschulen Bremen und Emden/Leer sowie an der Brandenburgischen Universität in Cottbus.

Im Mittelpunkt stehen jeweils aktuelle Themen moderner Kinderschutzarbeit. Vorträge, Workshops und Praxisbesuche werden dabei mit einem studentischen Rahmenprogramm und Möglichkeiten zur Vernetzung verbunden.

So entsteht ein Format, das Wissen vermittelt, Praxiseinblicke ermöglicht und Studierende aus verschiedenen Hochschulen miteinander ins Gespräch bringt – und damit die bundesweite

Rückblick auf das Programm

Die Sommerhochschule wurde gefördert vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend.