Sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen mit Behinderung – Prävention und Intervention

Kongressrückblick: 8. Jahreskonferenz Sexuelle Gewalt Lübeck

Wie gelingt ein inklusiver Kinderschutz, der Schutz, Selbstbestimmung und Teilhabe gleichermaßen stärkt?

Wie können Kinder und Jugendliche mit Behinderung wirksam vor sexualisierter Gewalt geschützt werden? Welche strukturellen Risiken bestehen und welche Anforderungen ergeben sich daraus für Prävention, Intervention und fachliches Handeln?

Mit diesen Fragen beschäftigte sich die diesjährige Jahreskonferenz sexuelle Gewalt der Bundesarbeitsgemeinschaft der Kinderschutz-Zentren am 21. und 22. Mai 2026 in Lübeck, die in Kooperation mit dem Kinderschutz-Zentrum Lübeck organisiert und veranstaltet wurde. Fachkräfte aus Kinder- und Jugendhilfe, Behindertenhilfe, Schule, Therapie und Beratung diskutierten gemeinsam über die Lebensrealitäten von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung, über bestehende Schutzlücken und über notwendige Veränderungen in Praxis, Institutionen und Politik.

Bereits der Eröffnungsvortrag von Prof. Dr. Karla Verlinden setzte einen eindrücklichen fachlichen Akzent. Die Professorin für Erziehungswissenschaften mit Schwerpunkt Resilienz machte deutlich, dass Kinder und Jugendliche mit Behinderung ein deutlich erhöhtes Risiko für sexualisierte Gewalt tragen – nicht aufgrund ihrer Behinderung selbst, sondern aufgrund struktureller Abhängigkeiten, gesellschaftlicher Entwertung und institutioneller Machtverhältnisse.

„Das Problem ist nicht fehlendes Wissen oder fehlende Gesetze – sondern fehlende Konsequenz in Politik, Institutionen und Praxis“, so Verlinden.

Sie verwies auf fehlende inklusive Schutzkonzepte und die oftmals hohe Unsicherheit pädagogischer Fachkräfte im Spannungsfeld zwischen Schutz und sexueller Selbstbestimmung. Besonders eindrücklich waren ihre Hinweise darauf, dass Kinder und Jugendliche mit Behinderung in kriminalstatistischen Erhebungen häufig unsichtbar bleiben und ihre Aussagen noch immer häufiger infrage gestellt oder entwertet werden.

Zugleich machte Verlinden deutlich, dass Prävention weit über individuelle Schutzmaßnahmen hinausgehen müsse. Notwendig seien barrierefreie Präventionsangebote, inklusive Sexualpädagogik, unabhängige Beschwerdesysteme, bessere Qualifizierung von Fachkräften sowie eine konsequente Reflexion von Macht- und Abhängigkeitsverhältnissen in Einrichtungen und Betreuungskontexten.

Zwischen Schutz und Selbstbestimmung
Im zweiten Vortrag nahm Jens Brörken das Spannungsfeld von Teilhabe, Sexualität und Schutz in den Blick. Er verdeutlichte, wie schnell Kinder und Jugendliche mit Behinderung im pädagogischen Alltag „verbesondert“ werden und wie sehr paternalistische Sichtweisen Selbstbestimmung einschränken können. Gleichzeitig wurde deutlich, dass sexualpädagogische Konzepte und Präventionsansätze inklusiv gestaltet werden müssen, damit Kinder und Jugendliche mit Behinderung eine Sprache für ihre Grenzen, ihre Bedürfnisse und mögliche Übergriffe entwickeln können.

Die anschließenden Foren und Workshops griffen unterschiedliche Perspektiven aus Praxis und Fachberatung auf. Im Forum zum Zusammenwirken von Kinder- und Jugendhilfe und Eingliederungshilfe diskutierten die Referentinnen anhand konkreter Erfahrungen die Herausforderungen systemübergreifender Kooperation bei Verdachtsfällen sexueller Gewalt. Deutlich wurde dabei, wie wichtig abgestimmte Verfahren, klare Zuständigkeiten und verbindliche Kommunikationsstrukturen sind.

Weitere Workshops beschäftigten sich unter anderem mit leichter und einfacher Sprache in der Sexualpädagogik, den Besonderheiten der InsoFa-Beratung bei Kindern mit Behinderung, Hilfen für betroffene Mädchen nach sexualisierter Gewalt sowie der Elternarbeit im Spannungsfeld von Behinderung, Sexualität und Schutz.

Prof. Dr. Karla Verlinden während ihres Vortrags über Erkenntnisse aus Forschung und Praxis beim Thema Sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen mit Behinderung

Prof. Dr. Karla Verlinden während ihres Vortrags über Erkenntnisse aus Forschung und Praxis beim Thema Sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen mit Behinderung

Hinschauen, verstehen, handeln
Zum Abschluss des ersten Kongresstages machten Katharina Möller und Henrike Riekenberg-Engler von Mixed Pickles e.V., einem Verein für Mädchen und Frauen mit und ohne Behinderungen, deutlich, welche Anforderungen sich für Fachkräfte und Hilfesysteme in Fällen sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen mit Behinderung ergeben. Im Mittelpunkt stand dabei die Frage, wie eine sensible und professionelle Hilfestellung für betroffene Kinder und Jugendliche aussehen kann und wie Hilfeangebote tatsächlich zugänglich gestaltet werden können bzw. welche Barrieren betroffene junge Menschen noch immer erleben.

Trauma, Peergewalt und Empowerment
Der zweite Kongresstag weitete den Blick auf traumapädagogische Perspektiven, Peergewalt sowie partizipative Schutzkonzepte. Julia Bialek verdeutlichte in ihrem Vortrag zu Trauma und Behinderung, wie behindernde Lebensbedingungen und traumatische Erfahrungen zusammenwirken können. Sie zeigte auf, welche Bedeutung traumapädagogisches Verstehen für die Begleitung von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung hat und wie pädagogische Handlungsräume gestärkt werden können.

Ein weiteres Forum widmete sich spezifischen Interventionskonzepten bei sexuell grenzverletzenden Jugendlichen mit kognitiver Beeinträchtigung. Weitere Workshops thematisierten empowernde Methoden in der Arbeit mit Jugendlichen mit Behinderung, traumapädagogischen Handlungsmöglichkeiten sowie Fragen sexualpädagogischer Begleitung im Kontext digitaler Lebenswelten.

Zum Abschluss des Kongresses stellte Ann-Kathrin Lorenzen vom Petze-Institut für Gewaltprävention partizipative Schutzkonzepte in den Mittelpunkt. Sie machte deutlich, dass Schutzkonzepte nur dann wirksam sein können, wenn Kinder und Jugendliche selbst beteiligt werden, ihre Perspektiven ernst genommen werden und Empowerment konsequent mitgedacht wird.

Fazit: Schutz braucht Inklusion, Beteiligung und strukturelle Verantwortung
Wie ein roter Faden zog sich durch die Tagung die Erkenntnis, dass sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen mit Behinderung kein Randthema ist, sondern eine zentrale Herausforderung für Kinderschutz, Behindertenhilfe und Gesellschaft insgesamt.

Deutlich wurde zugleich: Prävention und Intervention können nur gelingen, wenn Schutzkonzepte inklusiv gedacht, Barrieren abgebaut und Fachkräfte systemübergreifend qualifiziert werden. Kinder und Jugendliche mit Behinderung benötigen nicht mehr Kontrolle, sondern mehr Selbstbestimmung, Beteiligung und verlässliche Unterstützungssysteme.

Die zentrale Botschaft des Fachkongresses richtet sich deshalb auch an Politik und Institutionen: Es braucht verbindliche inklusive Schutzkonzepte, barrierefreie Beratungs- und Hilfesysteme, ausreichend Ressourcen sowie eine stärkere Zusammenarbeit zwischen Kinder- und Jugendhilfe, Behindertenhilfe, Bildung, Gesundheit und Justiz. Nur so kann gewährleistet werden, dass Kinder und Jugendliche mit Behinderung sicher, selbstbestimmt und frei von Gewalt aufwachsen können.

Jens Brörken vom Institut für Sexualpädagogik und sexuelle Bildung in Witten während seines Vortrags zum Thema "Zwischen Risiko und Schutz - Sexualisierte Gewalt und Behinderung im Spannungsfeld von Teilhabe und Verbesonderung"

Jens Brörken vom Institut für Sexualpädagogik und sexuelle Bildung in Witten während seines Vortrags zum Thema „Zwischen Risiko und Schutz – Sexualisierte Gewalt und Behinderung im Spannungsfeld von Teilhabe und Verbesonderung“.

Die Jahreskonferenz der Bundesarbeitsgemeinschaft der Kinderschutz-Zentren zum Thema sexuelle Gewalt fand bereits zum 8. Mal statt und widmete sich 2026 dem Thema „Sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen mit Behinderung – Prävention und Intervention“. In diesem Jahr wurde die Tagung am 21. und 22. Mai 2026 in Kooperation mit dem Lübecker Kinderschutz-Zentrum in Lübeck ausgerichtet.

Fachkräfte aus Kinder- und Jugendhilfe, Behindertenhilfe, Schule, Therapie und Beratung diskutierten gemeinsam über Schutzkonzepte, sexuelle Selbstbestimmung, Trauma, Empowerment und die Herausforderungen eines inklusiven Kinderschutzes. Im Mittelpunkt standen dabei die Lebensrealitäten von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung sowie die Frage, wie Prävention und Intervention barrierefrei, partizipativ und systemübergreifend gestaltet werden können.

Rückblick auf das Kongress-Programm

Der Fachkongress wird gefördert vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend.