Forschung, Qualitätsentwicklung und gemeinsame Lernprozesse
Der zweite Kongresstag rückte die Perspektive des Gesundheitswesens noch stärker in den Fokus. Prof. Dr. Michael Kölch verdeutlichte die unterschiedlichen Strukturen und Systemlogiken im Gesundheitswesen (SGB V) und in der Jugendhilfe (SGB VIII), die zu herausfordernden Dynamiken in der Praxis führen können. Ob Kooperation gelingt, hängt im Wesentlichen davon ab, inwieweit die Akteur*innen bereit sind, die Systemlogiken des anderen anzuerkennen und verstehen zu wollen. Gerade angesichts knapper werdender personeller und finanzieller Ressourcen müsse die Zusammenarbeit zwischen Gesundheitswesen und Kinder- und Jugendhilfe strukturell gestärkt und auch neue Herausforderungen – etwa Gefährdungen in digitalen Lebenswelten – vermehrt gemeinsam bearbeitet werden.
Im anschließenden Forum 2 standen Fallanalysen aus internationaler Perspektive im Mittelpunkt. Dr. Sheila Fish vom Social Care Institute für Excellence, London, stellte die Lehren aus Kinderschutzfällen in England vor und diskutierte das Konzept (fehlender) professioneller Neugier kritisch. Dr. Thomas Meysen von SOCLES verglich die Zusammenarbeit der Professionen in England und Deutschland vor dem Hintergrund juristischer Expertise. Prof. Dr. Heinz Kindler und Dr. Susanne Witte vom DJI stellten das Qualitätsentwicklungsverfahren QUEK (NRW) in Jugendämtern sowie die Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitforschung vor. Dabei zeigten sie u.a. die Erschwernisse in der Kooperation des Jugendamtes mit dem Gesundheitswesen in Prozessen der Gefährdungseinschätzung auf. Erneut wurde deutlich, dass gelingender Kinderschutz nur dort entsteht, wo transparente Kommunikationswege, gemeinsame Fallreflexionen und institutionell abgesicherte Strukturen vorhanden sind.
Workshops an beiden Veranstaltungstagen thematisieren verschiedene Praxisperspektiven
Wie am ersten Kongresstag, griffen auch an Tag 2 praxisnahe Workshops unterschiedliche Perspektiven und Fragestellungen auf. Dabei standen unter anderem konstruktive Umgänge mit Konflikten und Dissens zwischen Jugendhilfe und Medizin, innovative Beteiligungsmethoden in klinischen Kinderschutzkontexten sowie erfolgreiche Kooperationsmodelle im Mittelpunkt. Auch die Bedeutung professioneller Beziehungsgestaltung, verschiedene Sichtweisen von Familien sowie die Betrachtung konkreter Kooperationsmodelle zwischen Jugendämtern und medizinischen Einrichtungen wurden praxisnah beleuchtet.
Immer wieder wurde deutlich, dass funktionierende Kooperation nicht (nur) vom Engagement einzelner Fachkräfte abhängen darf, sondern von verlässlichen und finanzierten Strukturen, klaren Zuständigkeiten und gemeinsam evaluierten Kooperationsvereinbarungen, damit Familien nicht zum „Spielball“ zwischen verschiedenen Hilfesystemen werden.
Kooperation braucht verlässliche Rahmenbedingungen
Den Abschluss des Fachkongresses bildete eine Podiumsdiskussion mit Vertreter*innen aus Politik, Wissenschaft und Praxis, moderiert von Birgit Averbeck und Prof. Dr. Sabine Walper. Podiumsteilnehmende waren Saskia Esken (SPD), Vorsitzende des Familienausschusses im 21. Deutschen Bundestag, Dr. med. Thomas Götz (Bündnis 90/ Die Grünen), Staatssekretär d.D. für Gesundheit und Soziales des Landes Brandenburg, Prof. Dr. Michael Kölch, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Neurologie, Psychosomatik und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter Universitätsmedizin Rostock, Katrin Krumrey, Kinder- und Jugendbeauftragte des Landes Brandenburg, Dr. Thomas Meysen, SOCLES International Centre for Socio-Legal Studies, Wolfgang Schreck, Vorstand Bundespsychotherapeutenkammer und Dr. Kerstin Schröder, Leiterin des Jugendamtes der Stadt Nürnberg und Sprecherin der Konferenz der Leiter*innen der Großstadtjugendämter des Deutschen Städtetages.
Im Mittelpunkt stand die Frage, welche strukturellen und politischen Rahmenbedingungen notwendig sind, damit die Kooperation zwischen dem Gesundheitswesen und der Jugendhilfe im Kinderschutz gelingt. Diskutiert wurden auch die Gefahren von Doppelstrukturen der medizinischen Beratung auf Bundes- und kommunaler Ebene und die Auswirkungen der aktuell vorgesehenen massiven Kürzungen der Finanzierung psychotherapeutischer Versorgung sowie der Sparpläne in der Jugendhilfe und der Eingliederungshilfe. Die Teilnehmenden formulierten große Sorgen über den Abbau der Sozialstrukturen und die Folgen für den Kinderschutz, die Familien und die betroffenen Professionellen.
Das Podium endete mit Aussagen der Teilnehmenden zu Hoffnung machenden Entwicklungen in schwierigen Zeiten und den eigenen Potentialen. Auf die Frage an die Bundespolitik, was Verbände fachpolitisch tun können, wurde deutlich gemacht „Bleiben Sie am Thema dran und bilden Sie Allianzen“.
Fazit: Kooperation ist mehr als Zusammenarbeit
Wie ein roter Faden zog sich durch den gesamten Fachkongress die Erkenntnis, dass Kooperation im Kinderschutz weder selbstverständlich noch allein durch gesetzliche Regelungen herzustellen ist. Sie ist vielmehr Ausdruck einer gemeinsamen professionellen Haltung und benötigt zugleich belastbare Strukturen, ausreichend Ressourcen und eine Kultur gegenseitiger Anerkennung.
Deutlich wurde auch: Kinder, Jugendliche und Familien profitieren unmittelbar davon, wenn Gesundheitswesen, Kinder- und Jugendhilfe sowie weitere Hilfesysteme abgestimmt handeln, Informationen verantwortungsvoll teilen und Entscheidungen gemeinsam treffen. Gelingender Kinderschutz entsteht dort, wo institutionelle Grenzen überwunden werden und das Wohl des Kindes zum gemeinsamen Bezugspunkt aller beteiligten Professionen wird. Dazu gehört unbedingt die Beteiligung der Kinder, Jugendlichen und Eltern im Hilfe- und Unterstützungsprozess.
Die zentrale Botschaft des Fachkongresses richtet sich deshalb gleichermaßen an Politik, Wissenschaft und Praxis: Wir brauchen „eine Allianz für Kinder“ von Gesundheitswesen, Jugendhilfe und Politik!
Nur in systemübergreifender Zusammenarbeit kann es perspektivisch gelingen, die Kooperation dauerhaft strukturell und finanziell im Sinne der Kinder und ihrer Familien abzusichern.
Den Auftrag der Politik an die Verbände „Bleiben Sie dran“ nehmen wir an!