Psychische Belastungen von Kindern & Jugendlichen
3 Fragen an Dr. Carmen Deffner
Die Lebenswelt von Kindern hat sich in den vergangenen Jahren spürbar verändert – geprägt von digitalen Medien, gesellschaftlichen Unsicherheiten und einer wachsenden Zahl an Eindrücken, die täglich auf sie einwirken. Anders als oft angenommen, sind es dabei seltener einzelne einschneidende Ereignisse, die Kindern zu schaffen machen, sondern vor allem die Fülle an Reizen und Informationen, mit denen sie häufig allein gelassen werden.
Eine besondere Schwierigkeit liegt darin, dass Kinder diese Eindrücke noch nicht eigenständig einordnen und bewerten können. Fehlt ihnen die gemeinsame Verarbeitung mit vertrauten Erwachsenen, wird genau das zur eigentlichen Belastung – mit spürbaren Folgen für ihre Entwicklung: Anhaltender Stress und fehlende emotionale Sicherheit binden Kraft, die Kinder eigentlich für Spiel, Beziehungsgestaltung und Lernen brauchen.
Umso wichtiger ist die Frage, wie Kinder in ihrer Resilienz gestärkt werden können. Hier zeigt sich: Es sind nicht einzelne Programme oder Trainings, sondern verlässliche, zugewandte Beziehungen und kleine Alltagserfahrungen von Selbstwirksamkeit, die Kindern Sicherheit und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten vermitteln.
In diesem Kurzinterview spricht Dr. Carmen Deffner über die veränderten Belastungen von Kindern in einer zunehmend komplexen Welt, über Beziehung als zentralen Schutzfaktor und darüber, wie Fachkräfte Resilienz im Alltag gezielt fördern können. Beim Fachkongress „Psychische Belastungen von Kindern im Spiegel professioneller Praxis – Kindheit im Wandel“ am 03. und 04. Dezember 2026 in Stuttgart wird sie diese und weitere Aspekte in ihrem Vortrag vertiefen.
Frau Dr. Deffner, Sie halten bei unserem Fachkongress in Stuttgart den Abschlussvortrag – ohne inhaltlich zu viel zu verraten:
Was sind Ihrer Meinung nach aktuell die markantesten psychischen Belastungen für Kinder?
Ich glaube, dass Kinder heute weniger unter einzelnen Krisen leiden als unter der Vielzahl an Eindrücken, die täglich auf sie einwirken – und damit häufig allein gelassen werden. Ob Nachrichten, soziale Medien oder die Stimmung im familiären und gesellschaftlichen Umfeld: Kinder nehmen viel mehr wahr, als wir Erwachsenen oft vermuten. Sie können diese Eindrücke jedoch noch nicht eigenständig einordnen oder bewerten.
Die eigentliche Belastung entsteht deshalb dort, wo Kinder mit ihren Fragen, Gefühlen und Unsicherheiten keine Orientierung finden. Entwicklung braucht Beziehung. Kinder brauchen Erwachsene, die ihre Wahrnehmungen ernst nehmen, sie gemeinsam mit ihnen einordnen und ihnen dadurch Sicherheit vermitteln. Gerade in einer immer komplexeren Welt wird diese gemeinsame Verarbeitung zu einer der wichtigsten Schutzfaktoren für eine gesunde Entwicklung.
Was machen psychische Belastungen und Stress mit Kindern in ihrer Entwicklung?
Psychische Belastungen und anhaltender Stress kosten Kinder enorme Kraft. Eigentlich sollten sie ihre Energie dafür einsetzen können, spielerisch ihre Umwelt zu entdecken, Beziehungen zu gestalten und Neues zu lernen. Fühlen sie sich jedoch dauerhaft unsicher oder belastet, fließt ein großer Teil ihrer Aufmerksamkeit in den Versuch, wieder Sicherheit und innere Stabilität herzustellen. Diese Energie fehlt ihnen dann für zentrale Entwicklungsaufgaben. Deshalb sind psychisches Wohlbefinden und emotionale Sicherheit keine “Extras”, sondern grundlegende Voraussetzungen dafür, dass Kinder ihre Potenziale entfalten können.
Was braucht es, um Kinder in ihrer Resilienz zu stärken?
Resilienz entsteht nicht durch einzelne Trainings oder Programme, sondern vor allem in Beziehungen. Kinder brauchen das Gefühl, sicher, geborgen und angenommen zu sein. Sie brauchen Erwachsene, die verlässlich da sind und ihnen zutrauen, etwas bewirken zu können. Schon kleine Alltagssituationen – beim Tischdecken helfen, Verantwortung übernehmen oder gemeinsam Lösungen finden – vermitteln Kindern: Ich bin wichtig. Ich kann etwas beitragen. Solche Erfahrungen stärken Selbstwirksamkeit und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Sicherheit, Wohlwollen und eine anregende, zugewandte Interaktion bilden deshalb den fruchtbarsten Nährboden für die Entwicklung von Resilienz.
Vielen Dank!
Dr. Carmen Deffner ist Erziehungswissenschaftlerin und verbindet in ihrer Arbeit Erkenntnisse aus der Neurowissenschaft mit praxisnahen Ansätzen für Bildung und Pädagogik. Ihr besonderes Interesse gilt der Rolle Exekutiver Funktionen und deren Einfluss auf Lernen, Entwicklung, Wohlbefinden und Stressbewältigung – aktuell mit Schwerpunkt auf der Stressbewältigung pädagogischer Fachkräfte. Sie war mehrere Jahre als wissenschaftliche Mitarbeiterin am ZNL TransferZentrum für Neurowissenschaften und Lernen der Universität Ulm tätig und ist u. a. für das nifbe – Niedersächsisches Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung e.V. – publizistisch aktiv. Beim Fachkongress „Psychische Belastungen von Kindern im Spiegel professioneller Praxis – Kindheit im Wandel“ vom 03.–04. Dezember 2026 in Stuttgart hält sie den Abschlussvortrag.

