Lessons learned - Ein kurzer Rückblick auf den ISPCAN Kongress in Dublin und ein kleiner Ausblick in die Zukunft des Kinderschutzes
Diese Seite drucken

Arbeitsfelder

Lessons learned - Ein kurzer Rückblick auf den ISPCAN Kongress in Dublin und ein kleiner Ausblick in die Zukunft des Kinderschutzes

Vom 14. – 18.9.2013 beteiligten sich die Kinderschutz-Zentren aktiv an der 13. Regionalkonferenz der ISPCAN. Schwerpunktthema unserer Posterpräsentation und am Stand der Kinderschutz-Zentren war das Modellprojekt Kinderschutz im ländlichen Raum. Insgesamt kamen über 700 TeilnehmerInnen aus 50 Ländern (aber nur ganz wenige aus Deutschland) nach Dublin und nach vier inhaltlich dichten und regnerischen Tagen in der irischen Hauptstadt wollen wir ein kurzes Resümee ziehen.

Welche Bedeutung Kinderschutz im Moment in Irland hat, zeigte sich bereits daran, dass die Konferenz von dem irischen Ministerpräsidenten („An Taoiseach“) Enda Kenny persönlich eröffnet wurde. Mit Frances Fitzgerald war zudem die Ministerin für das 2011 erstmals geschaffene ausschließliche Ministerium für Kinder und Jugendliche („children and youth affairs“) an zwei Tagen anwesend. Sie hat lange Jahre als Sozialarbeiterin gearbeitet und bringt diesen Erfahrungshintergrund nun aktiv in die Politik und Gesetzgebung ein.

In der Vielfalt und Breite der Themen sind uns insbesondere folgende Schwerpunkte, Trends und Fragestellungen aufgefallen -  internationale Themen, die auch für die Kinderschutzpraxis in den Kinderschutz-Zentren, vielleicht aber auch darüber hinaus interessant sind.

Unser zentrales Thema „Kinderschutz in ländlichen Räumen“ stieß auf Interesse, insbesondere bei Praktikern, Entscheidern und Wissenschaftlern aus GB, Irland und Kanada. In weiterführenden Gesprächen wurde jedoch deutlich, dass spezifische Probleme (wie lange Distanzen und schwierige Zugänge zu Familien) wahrgenommen, aber auch international bisher kaum erforscht oder bearbeitet worden sind.

Zu vielfältigen Diskussionen in den Symposien oder auch in Gesprächen an unserem Stand führte das Thema des Vortrages von Prof. Marit Skivenes (Universität Bergen). Ob Kinder in Kinderschutzprozessen angemessen wahrgenommen und beteiligt werden, ob es im Kinderschutz einer Umstellung auf ein „child centred system“ bedarf und welche Konsequenzen das für Politik, Organisationen und professionelle Praxis hat, beschäftigte Forscher und Praktiker in Dublin. Die Rolle und Beteiligung von Kindern (und Jugendlichen) in Kinderschutzprozessen zog sich wie ein roter Faden durch den Kongress. Unterschiedliche Praxismodelle (wie bspw. anwaltschaftliche Vertretungen für Kinder im Hilfeplan -„Guardians“ - in einem lokalen Modellprojekt in England) wurden vorgestellt. Im Mittelpunkt standen jedoch mehr oder weniger aktuelle Forschungsergebnisse zur Wahrnehmung und Beteiligung des Kindes aus unterschiedlichen professionellen Perspektiven mit teils überraschenden Ergebnissen (zu diesem Thema auch kürzlich erschienen: NZFH: Kinder im Kinderschutz. www.nzfh.de).

Hierzu passt auch das Konzept des „Barnehus“ – einem Modell eines kindgerechten Vorgehens bei vermuteter sexueller Gewalt. Dabei ging es um Erfahrungen in der Implementation von Kinderhäusern nach dem US-amerikanischen Modell der „Child Advocacy Centres (CAC)“ in Europa. Das erste entstand nach amerikanischem Vorbild vor 15 Jahren in Island. In den letzten Jahren sind dann überall in Skandinavien solche Häuser aufgebaut worden und eine Reihe anderer europäischer Länder bereiten dies vor. Sie richten sich an Kinder von 3-16 (bzw. 18) Jahren bei Verdacht auf sexuelle Gewalt und bieten eine kindgerechte und kinderfreundliche Umgebung für die Klärung der Vermutung. Nach dem Motto „All the services a child need under the same roof“ finden sich alle Dienste in einem Haus. Dort führen Polizist(innen) die Befragung der Kinder und weiterer Zeug(innen) durch, gibt es eine medizinische Diagnostik, findet Beratung und Kurzzeittherapie statt. Zusätzlich werden hier Fortbildungen durchgeführt und Netzwerke gepflegt. Ziel ist ein abgestimmtes multi-professionelles  Vorgehen, das Mehrfachbefragungen vermeidet, Sicherheit und rechtlichen Schutz bietet. Einen Termin gibt es spätestens innerhalb der ersten beiden Wochen nach Eröffnung. Die Evaluationen zeigen, dass sich die Kooperation der Fachkräfte verbessert und rechtliche und therapeutische Notwendigkeiten und Vorgehensweisen im Sinne der Kinder besser koordiniert werden können. Häufig geht es dabei um Kinder unter 6 Jahren. Die Kinder zeigen weniger Angst, die Eltern sind höchst zufrieden mit dem Vorgehen und auch der Anteil der medizinischen Untersuchungen ist höher. Außerdem werden Entscheidungen deutlich schneller getroffen. Die amerikanischen Erfahrungen zeigen, dass diese Interventionen effektiver und sogar billiger sind. Darum wundert es nicht, dass viele europäische Länder dieses interessante Modell in ihren Ländern einführen wollen. Mehr Infos: www.nationalcac.org.

Weitere wiederkehrende Themen und Ergebnisse in der internationalen Debatte waren insbesondere die

  • multiprofessionelle Zusammenarbeit in Kinderschutzprozessen (auch eine starke Orientierung an Verfahren und Abläufen zur Kooperation ersetzt nicht Vertrauen und gegenseitigen Respekt)
  • die Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche (Missbrauch und der Zusammenhang von Institution, organisationalen Vorgaben und biographischen Mustern)
  • der Einbezug und die Situation von Vätern im Kinderschutz
  • die Wirksamkeit und Entwicklung spezieller Präventionsprogramme in Schulen („Education is the key!“)
  • die Erforschung von „peer-to-peer Gewalt“ in Jugendgruppen und Handlungsmöglichkeiten im Sinne des Kinderschutzes und viele andere Themen (mehr, unter www.ispcan.org/event/Dublin2013)

Wie ein roter Faden durch alle Debatten  zog sich eine starke Orientierung an Evidenzbasierung, d.h. ein Interesse, die Wirksamkeit von Programmen und Methoden meist anhand quantifizierbarer Daten nachzuweisen. Insbesondere im Bereich der Frühen Hilfen aber auch in der Entwicklung von standardisierten Risikoeinschätzungstools wurde dies deutlich. Aber auch bei der Suche nach Programmen speziell für Jungen und Männer, die IPSCAN aktuell verfolgt. Da sich die Kinderschutzsysteme insbesondere in den angloamerikanischen Ländern in einem radikalen Umbau befinden, erschien uns der Optimismus, der mit oftmals objektivierten (und teils praxisfernen) Daten verbunden war, als wenig kritisch reflektiert. Nur vereinzelt wurden Stimmen laut, dass auch Programme, die nicht derart intensiv evaluiert wurden, erfolgreich sein können.

Ebenso wenig wie die Reflexion darüber, wohin sich Kinderschutzpraxis im Zuge starker rechtlicher und fachpolitischer Umstellungen in den einzelnen Ländern hin entwickelt und ob es – so wie es Nigel Parton (University of Huddersfield) für England einschätzt - zu einem neuen autoritären Kinderschutz im Lichte eines neoliberalen Wohlfahrtsstaates kommt.

Gleichwohl ist die Frage der Wirksamkeit von Instrumenten und Methoden, Programmen und organisationalen Abläufen eine der wichtigen Zukunftsfragen – auch in Deutschland. Gestärkt sind wir jedoch in der Ansicht, dass es dazu wichtig ist, mehr partizipatorische Aspekte und die Stimme der Nutzer der Hilfeangebote stärker einzubringen, als das in einigen der in Dublin vorgestellten Studien der Fall war.

 

Stefan Heinitz, Dr. Michael Herschelmann, Elisabeth Möller



Schließen