“Kinderschutzarbeit ist lebenslanges Lernen”
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“Kinderschutzarbeit ist lebenslanges Lernen”

Mehr Mut in der Wahrnehmung von Kinderschutzfällen, dafür plädiert Prof. Michael Nitsch von der Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften der Hochschule München. Der Experte wird auf unserer kommenden Tagung „Nur Mut!“ von Fallen und Fällen berichten und warum bisherige Präventionsinstrumente nicht ausreichen. Was benötigen Kinderschützer*innen, um den richtigen Blick zu wahren? Wir haben ihn vorab befragt.


Herr Prof. Nitsch, Sie sind auf der Tagung der Kinderschutz-Zentren am 06. Juli mit dem Vortrag „Menschen und ihre Geschichten. Von Fällen und Fallen und der Kunst des Dolmetschens“ zu Gast. Was verbirgt sich hinter diesem Titel?

Die Kunst des Dolmetschens ist, zu schauen, wie begreifen wir Fälle? Aus welchen Wirklichkeitskonstruktionen heraus wird denn ein sogenannter Fall - und dahinter stehen Menschen: Mütter, Kinder, Väter, Jugendliche - noch gesehen? Haben Mitarbeiter überhaupt noch die Chance sowie die innere und institutionelle Befähigung, reflexiv zu betrachten und eine umfassende Fallarbeit zu leisten, die weit mehr ist als nur das Erkennen von Risikofaktoren und Belastungslagen?

Aber dazu gibt es doch immer mehr Instrumentarien im Kinderschutz, oder? Sind diese nicht ausreichend?

Wir haben bundesweit und in anderen Ländern der EU einen großen Zuwachs an Wahrnehmungsinventarien, bei denen eine Vielzahl von Risikofaktoren abgefragt werden. Sie haben den Vorteil, dass damit sichergestellt werden soll, dass die Mitarbeiter auch nichts übersehen und multiperspektivisch auf die Fälle schauen. Aber, erstens, bei den Fällen, die auffällig waren, lag es selten daran, dass etwas nicht erkannt wurde, sondern dass Hilfeprozesse nicht hinreichend beleuchtet wurden und nicht gelangen. Und: die Blickführung und die Sprache in diesen Manualen ist ein Problem. Da wird häufig ein Vokabular angeschlagen, das dazu verleitet, die Familien, Kinder und Jugendlichen wie von außen zu beobachten und zu bewerten, als würde Kinderschutz hinter einer Einwegscheibe stattfinden.

Alle Kinderschützer und Praktiker wissen, dass viele der Dinge, die wir wahrnehmen möchten und sollten, um zu einer gelingenden Gefährdungseinschätzung und zu einer Hilfegestaltung zu kommen, nicht einfach so offen zutage liegen. Ich sehe nicht beim Hausbesuch, wie es der Mutter und den Kindern geht, was ihre heimlichen Sorgen sind. Das kann ich bestenfalls erfahren, wenn ich mit ihnen in ein Gespräch komme, wenn ich den Menschen sichere Ort schaffe, wenn wir ein beziehungsgestütztes, dialogisches partizipatives Kinderschutzanliegen pflegen, das den Menschen deutlich macht: wir wollen gemeinsam mit ihnen etwas zum Guten verändern.

Wie hilfreich sind Fragenbögen bei der Einschätzung von Gefährdungen?

Der Auftrag an Kinderschützer lautet nach dem Auftreten von besonders tragischen Fällen immer wieder: Schulung durch Erkennen. Das Erkennen alleine ist aber immer ein Prozess, der hat etwas mit Wahrnehmung, mit Zeit, mit Verstehen wollen und mit dem Einlassen auf die Biografie der Menschen zu tun. Das ist nicht einfach durch das Ankreuzen von Risikofaktoren zu erfassen. Diese Bögen sind wenig biografisch angelegt und versuchen mit einzelnen, fragmentierten, qualitativen Items, Evidenzen zu erfassen. Damit laufen sie aber Gefahr, eine reduzierte Wahrnehmungs- und Zugangsqualität zu den belasteten Familien und ihren Kindern als Standard zu setzen, da sie häufig allein Risiken abfragen und den Prozess des Befragens nicht beleuchten. Doch Kinderschützer müssen ihr Fachwissen dolmetschend in der Arbeit mit den Beteiligten anwenden können und zur Wirkung bringen. Dazu braucht es vielfältige Kompetenzen, über die ich in meinem Vortrag sprechen möchte.

Aber wie kann das sinnvoll gelingen, wenn Mitarbeiter im Kinderschutz immer mehr unter Druck stehen?

Sie sprechen einen sensiblen Bereich an. Ich erlebe das immer wieder bei Vorträgen, bei meinen Studierenden und bei erfahrenen Mitarbeitern: Der Wille mit den Menschen partizipativ, ziel- und lösungsorientiert mit Blick auf eine konstruktive Zukunft zu arbeiten, ist da, aber sie finden sich oft in Zwängen wieder, ihnen werden Handlungslogiken vorgesetzt, bekommen Zeitraster, wie viel Zeit sie für einen Fall zur Bearbeitung bekommen, etc.. Man muss deutlich machen und das ist auch Mut: Ich werde es als Einzelperson nicht schaffen, institutionelle und normative Vorgaben, Gesetze, Dienstanweisungen und Steuerungslogiken in großen Institutionen von mir weg zu halten. Das wäre auch fatal, doch müssen wir Position beziehen und uns wieder aus der Defensive der Verdachtsabklärung heraus bewegen und selbstbewusst die qualitativen Standards und Kompetenzen gelingender Hilfegestaltung aufzeigen, die das Wort „pädagogisch“ auch verdienen.

Was braucht es in der konkreten Fallarbeit?

Dazu braucht es einerseits Mut, andererseits ein höheres Maß an unterschiedlichsten Kompetenzen. Wenn die Aufgabe lautet: „Sorge dafür, dass es keinen Fall Kevin gibt“, setze ich die Menschen zielgerichtet auf ein Gleis. Aber: guter Kinderschutz muss mehrgleisig sein, multiperspektivisch, pädagogisch ermutigend und dem Fachpersonal Möglichkeiten bieten, in einen fortlaufenden reflexiven Austausch zu kommen. Wir reden heute immer über eine Fehlerkultur, gerade wenn schon etwas passiert ist. Ich möchte für eine Wahrnehmungskultur plädieren.

Mir geht es heute bei meinen Vorträgen darum, Argumentationen zu liefern, die die Soziale Arbeit nochmal darin unterstützen und bestärken, ihre vielfältigen Kompetenzen darzulegen und deutlich zu machen, warum sie nötig sind. Das sind fachliche Standards, die notwendig sind, um gute Arbeit machen zu können. Und den Mut den wir aufbringen müssen, uns hinzustellen und so Räume zu gestalten, dass die Mitarbeiter, die täglich mit komplexesten Fällen und Fragestellungen konfrontiert werden, Zeit und Ruhe finden, einen Schritt zurückzutreten, um dann verantwortlich Hilfe zu gestalten. Da lernt man nie aus - Kinderschutz ist ein Feld lebenslanges Lernen.



 

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