Psychische Krisen junger Menschen
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Aktuelles

Psychische Krisen junger Menschen

29.11.2017

Vom 23.-24. November kamen in der Stadthalle Gütersloh 200 Fachkräfte aus unterschiedlichen Hilfesystemen zusammen, um mehr über das Thema „Psychische Krisen junger Menschen“ zu erfahren. Beim Kongress, der in Zusammenarbeit mit dem LWL Klinikum in Gütersloh durchgeführt wurde, lag der Fokus insbesondere auf der Kooperation zwischen Kinder- und Jugendhilfe und Kinder- und Jugendpsychiatrie, aber auch Schule und Erwachsenenpsychiatrie. Nach zwei intensiven Tagen zeigten sich viele gemeinsame aber auch kontroverse Sichtweisen im Umgang mit psychisch instabilen und belasteten jungen Menschen.


Über die Jugend

Einen unkonventionellen Einstieg ins Thema bot der Journalist Klaus Farin. Mit einem ganz anderen Blick auf die Jugend von heute regte er das Plenum an, eigene Sichtweisen und Haltungen gegenüber Jugendlichen zu überprüfen und sich einem neuen Bild gegenüber aufgeschlossen zu zeigen.

Das Gehirn und seine grundlegende Umstrukturierung in der Adoleszenz wurde von Prof. Dr. Kerstin Konrad von der Uniklinik RWTH Aachen anschaulich präsentiert. Entwicklungspsychiatrisch ist die Pubertät eine sensible und verwundbare Zeit, in der sich psychische Erkrankungen manifestieren können. Auch wenn frühe Lernerfahrungen entscheidend für die Entwicklung von sozialer Interaktionsfähigkeit sind, stellt die langandauernde Hirnreifung eine große Chance für den Einfluss von Erziehung und Bildung im Jugendalter dar. Und: Kreativität und kognitive Flexibilität sind in der Jugendzeit besonders ausgeprägt.

Was heißt denn eigentlich „normal“?

Prof. Dr. Dr. Martin Holtmann, Arthur Kröhnert, Prof. Dr. Armin Castello (v.l.n.r.)

Im Forum des ersten Tages stellten sich Prof. Dr. Dr. Holtmann (LWL-Universitätsklinik für Kinder und Jugendpsychiatrie Hamm) und Prof. Dr. Armin Castello (Europa Universität Flensburg) gemeinsam die Frage, was denn heute als „normales“ bzw. „auffälliges“ Verhalten angesehen wird und wer das eigentlich definiert. Untersuchungen zeigen, dass psychische Störungen nicht zunehmen, aber immer früher beginnen. Auffällig ist das Ansteigen von emotionalen Störungen und solchen des Sozialverhaltens. Sehr deutlich wurde, dass es dem System Schule an geeigneten Unterrichtskonzepten für Kinder in psychischen Krisen fehlt und den Regellehrkräften an entsprechenden Kompetenzen.
Einen Appell an alle teilnehmenden Fachkräfte richtete Prof. Holtmann:
Verantwortlichkeiten klären und sich zuständig fühlen; dann sei schon viel gewonnen.

Lebendig und bisweilen kontrovers wurde die Diskussion über die Digitalen Medien geführt. Sind sie Fluch oder Chance für junge Heranwachsende? Und welche Risiken und Nebenwirkungen sind zu erwarten, die jetzt vielleicht noch gar nicht absehbar sind? Einig waren sich aber zum Schluss die beteiligten Referenten, dass der „gesunde“ und adäquate Umgang mit der digitalen Welt durchaus eine (kreative) Bereicherung für alle sein kann. Kinder und Jugendliche brauchen hierfür jedoch Begleitung durch Erwachsene, die sich interessiert und reflektiert mit dem Thema auseinandersetzen.

Junge Erwachsene in der Psychiatrie

Prof. Dr. med. KronmüllerProf. Dr. med. Kronmüller, ärztlicher Direktor der LWL Klinik Gütersloh, betonte die Bedeutung der Übergangsphase der jungen Menschen in das Erwachsenenalter. Er wies darauf hin, dass wir heute von einer Verkürzung der Kindheit (Säkulare Azeleration), einer Verlängerung der Adoleszenz (Säkulare Retardation) und einer neuen Lebensphase (emerging adulthood) ausgehen müssen. In Anlehnung an Jeffry J. Arnett zeige sich für ihn in den letzten zehn Jahren ein soziokulturelles Phänomen, dass sich einerseits durch außerordentliche Freiheiten für experimentelle Lebensentwürfe in Sachen Liebe und Arbeit auszeichnet, andererseits aber auch neue psychische Problemlagen zu Tage fördert.


Einen gelungenen Abschluss bildete der Vortrag von Prof. Dr. David Zimmermann von der Humboldt Universität Berlin. Er vermittelte den Teilnehmer*innen in anschaulicher Weise, wie sich Kinder und Jugendliche mit Extremerfahrungen fühlen, wie sie handeln und wie sich ihre traumatischen Erlebnisse in pädagogischen Beziehungen widerspiegeln. Fachkräfte in Schule und Kinder- und Jugendhilfe haben somit eine große Verantwortung für die Umsetzung gelingender traumapädagogischer Arbeit.

Prod. Dr. David Zimmermann
 



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