Praxisbezogene Auseinandersetzung mit den Dynamiken gesellschaftlicher Vielfalt
Diese Seite drucken

Aktuelles

Praxisbezogene Auseinandersetzung mit den Dynamiken gesellschaftlicher Vielfalt

Im Duden wird die Definition von Vielfalt mit >> eine erstaunliche, bunte, verwirrende Vielfalt aufweisen<< erklärt. Vielfalt ist demnach bereichernd divers und bunt, kann aber auch erstaunlich und stellenweise unklar sein. Für die Kinder- und Jugendhilfe spiegeln sich die Formen gesellschaftlicher Vielfalt und ihre Dynamiken in den Hilfe- und Handlungsaufträgen der unterschiedlichen Akteur*innen wieder, die sich an dem Bedarf der ihnen anvertrauten Kinder- und Jugendlichen orientiert.

Da die Vielfalt einer Gesellschaft kein statischer Zustand ist, sondern sich rasant verändert, ist ein stetiger, fachlicher Austausch von zentraler Bedeutung. Die Gründe für Wandel und Veränderung sind dabei breitgefächert und reichen von demografischen und digitalen Neugestaltungen bis hin zu veränderten Familienformen oder Zuwanderung.

Für die Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe sind gesellschaftliche Vielfalt und die damit verbundenen Veränderungen unmittelbar spürbar. Das bedeutet aber nicht, dass die Hilfen auf alle Formen, Herausforderungen und die einschneidenden Entwicklungen der gesellschaftlichen Vielfalt eingestellt beziehungsweise abgestimmt sind. Es stehen Fragen im Raum, die nach einem offenen, fachspezifischen Diskurs verlangen. Dieser kann durch intensiven Austausch und Kooperationen der einzelnen Akteur*innen zu Handlungssicherheit in der Praxis beitragen, neue Perspektiven, Sicht- und Vorgehensweisen aufzeigen.

 

Gesellschaftliche Vielfalt im Spannungsfeld von Religion und Tradition

 

Die gesellschaftliche Vielfalt im Spannungsfeld von Religion und Tradition steht im Zentrum gesellschaftlicher Auseinandersetzungen. Der Wahrnehmungs- und Handlungsbedarf der Kinder- und Jugendhilfe orientiert sich demnach nicht nur an der Lebenswelt der ihnen anvertrauten Kinder und Jugendlichen und daraus formulierten fachlichen Positionen, sondern auch an gesamtgesellschaftlichen und politischen Diskursen. Auch wenn sich interkulturelles Arbeiten am Individuum selbst orientiert, beeinflussen Debatten zum Thema die Ideen zu praktischen Handlungsansätzen und -situationen.

Die Kinder- und Jugendhilfe sieht sich in der Pflicht adäquat zu agieren und auf die unterschiedlichen Einflüsse einzugehen. Das breite Spektrum an Positionen und Ansätzen spiegeln aber nicht nur die Pluralität der Thematik wieder, sondern führen auch zu Verunsicherungen: Vernetzung und Austausch, wissenschaftliche Erkenntnisse und praktische Erfahrungen tragen zur Handlungssicherheit und neuen Impulsen bei, die den Akteur*innen der Kinder- und Jugendhilfe helfen können, ihre Arbeit unterstützen und bereichern.

 

Religiöse und kulturelle Bindung

 

Bei der Bearbeitung existenzieller Themen spielen religiöse und kulturelle Bindungen oft eine tragende Rolle, weshalb die Bereitschaft zur Beschäftigung mit Glaubens- und Sinnvorstellungen und nicht vertrauten religiösen Phänomenen und Ritualen, ein wichtiger Aspekt der täglichen Arbeit darstellen. Die generelle Offenheit gegenüber dem vermeintlich Anderen schließt dies mit ein.

Religion und Tradition sind hochgradig individuell und häufig biografisch begründet, weshalb es für die Fachkräfte wichtig ist zu wissen, was die Kinder und Jugendlichen geprägt hat und künftig beeinflussen wird. Die Auseinandersetzung reicht von Beratungs-, lebens- und ressourcenorientierten Handlungsaufträgen bis hin zu Phänomenen zwischen Religionsfreiheit und möglicher Kindeswohlgefährdung.

 

Digitale Vielfalt: Chancen und Risiken

 

Kinder kommen immer jünger in Kontakt mit Medien, die Bedienung der Medien wird immer einfacher und „intuitiver und das Internet eröffnet Kindern und Jugendlichen „unbegrenzte Lebensräume“. Daraus ergeben sich für das Handlungsfeld der Kinder- und Jugendhilfe unzählige neue, sich konstant und rasant entwickelnde Herausforderungen, die sich auf die Strukturen der Handlungsabläufe auswirken. Das Erkennen, Begleiten und Unterstützen ist möglich, wenn die eigenen fachlichen und medienpädagogischen Kompetenzen dafür ausreichen. Akteur*innen der Kinder- und Jugendhilfe haben durch ihre eigene Medienkompetenz nicht nur die Möglichkeit die digitale Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen zu verstehen, sondern können mit dem erworbenen medienerzieherischen Wissen den digitalen Alltag aktiv mitgestalten, Gefahren früher erkennen und dementsprechend präventiv handeln. 

 

Kürzlich hat die WHO (Weltgesundheitsorganisation) in der elften Version des ICD (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) Computerspielabhängigkeit unter der Bezeichnung „Gaming Disorder“ zu einer eigenständigen Diagnose erklärt. Die Anerkennung und Klassifizierung der Computerspielabhängigkeit verdeutlicht, dass die Kinder- und Jugendhilfe auch auf das Aktivwerden anderer Akteur*innen angewiesen ist, um geeignete Therapie- und Präventionsmaßnahmen zu entwickeln, Fachpersonal zielgerichtet zu schulen und die neuen Handlungsaufträge umzusetzen.

 

Die Auswirkungen des digitalen Wandels auf die Kinder- und Jugendhilfe birgt Chancen und Risiken. Für die Kinder- und Jugendhilfe ist es wichtig die Möglichkeiten zu nutzen und die Gefahren zu kennen, um diesen bestmöglich entgegenzuwirken beziehungsweise die Kinder und Jugendlichen im Umgang mit den Medien und den Freiräumen der digitalen Welt zu sensibilisieren.

 

Wer sind wird? – Geschlechter- und Familienvielfalt

 

Die Vielfalt und Veränderungen an Lebensformen gehören zur menschlichen Entwicklung.  Der demografische, strukturelle und kulturelle Wandel der Familie wird dabei häufig als problembehaftet dargestellt, dabei ist es ein wesentliches Merkmal der familiären Strukturform sich in vielfältig verändernden Erscheinungsformen auszudrücken.

 

Die „klassische Familie“ mit einem verheirateten Elternpaar und leiblichen Kindern ist nicht mehr die Norm. Auch in der Kinder- und Jugendhilfe stehen die Fachkräfte viel häufiger mit Ein-Eltern-Familien, nicht ehelichen Lebensgemeinschaften sowie Stief-, Patchwork-, Adoptiv- oder Pflegefamilien in Kontakt. Hinzukommen Regegenbogenfamilien mit lesbisch, schwul, bisexuell oder transgeschlechtlichen Elternteilen. Die Akteur*innen der Kinder- und Jugendhilfe sind selbst auch vielfältig und beziehen die Formen familiärer Vielfalt in die eigene professionelle Haltung und Handlung mit ein. Dabei geht es um das Transportieren wertschätzender Bilder und einer diskriminierungsfreien und gendersensiblen Sprache. Trans* Kinder und -Jugendliche sind besonders vulnerabel: Eine Studie des Deutschen Jugendinstituts von 2015 zeigt, dass die meisten Kinder und Jugendlichen eine mögliche Reaktion ihrer Eltern beziehungsweise ihrer Bezugspersonen versuchen abzuschätzen, bevor sie ein transgeschlechtliches Coming Out in Erwägung ziehen.

Eine vorurteilsbewusste Haltung ist demnach die Grundvorraussetzung für eine geschlechtergerechte Kinder- und Jugendhilfe. Austausch, Fort- und Weiterbildungen sind elementar um das Kindeswohl zu schützen. Zur sogenannten Regenbogenkompetenz gehört insbesondere die Beratung und Begleitung von Kindern und Jugendlichen in Bezug auf die sich aus der transsexuellen und intergeschlechtlichen Identität ergebenden Fragen, Sorgen und Schwierigkeiten. Aus der Praxis wird berichtet, dass es häufig darum geht, die Eltern und Sorgeberechtigten der Kinder und Jugendlichen abzuholen, zu beraten und zu begleiten.

Der Fachkongress der Kinderschutz-Zentren setzt sich praxisbezogen mit den Dynamiken gesellschaftlicher Vielfalt in der modernen Gesellschaft auseinander.  Ziel ist es, die Facetten zu thematisieren, Chancen und Probleme zu benennen und daraus resultierende Handlungsmöglichkeiten zu beleuchten und neu zu denken.

 

Weitere Informationen zum Fachkongress Gesellschaftliche Vielfalt annehmen und verstehen - Folgen der Kinder- und Jugendhilfe finden Sie hier.

Programmflyer